Brasilien – „Bom Passeio!“ Mit dem Serra Verde Express durch den Regenwald 01.11.2025

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Kurz vor halb 8 Uhr, ein kühler, wunderschöner Morgen.

Bereit für die Fahrt mit dem Serra Verde Express.

Eine Viertelstunde später stehen wir am Bahnhof und trauen unseren Augen nicht

Sooo voll! Vielleicht etwas naiv, aber damit haben wir nicht gerechnet.

Wie immer läuft alles sehr gesittet, kein Gedrängel, kein Geschubse. Einfach langsam nebeneinander vorwärts laufen.

Durch den Extraeingang für ältere Menschen und schon stehen wir auf dem Bahnsteig.

Waggon Nummer drei, fast ganz vorne. Luxuspolstersitze waren ausverkauft, aber die „Holzklasse“ ist sehr bequem mit viel Beinfreiheit.

Und linke Seite! Wie wir es uns gewünscht haben!

Unsere Waggonchefin begrüßt jeden Gast persönlich. Wir sind die einzigen, die nicht aus Südamerika kommen und werden sehr herzlich empfangen. Später werden draußen Fotos von jedem gemacht, der es möchte.

Alle an Bord. Während die Waggonchefin die Sicherheitshinweise erklärt, dröhnt draußen das Signalhorn des Zuges.

Auf dem Bahnsteig steht ein Team mit Winkehandschuhen und Smileyschildern, das uns enthusiastisch verabschiedet:

„Bom Passeio!!“

Alle Zuginsassen jubeln und winken zurück…der Zug setzt sich in Bewegung. Vor uns liegt eine dreistündige Fahrt durch den Regenwald.

Mit Tempo 18 km/h zuckeln wir zunächst durch die Vorstadt, dann ins Grüne

Ein kleiner Snack wird serviert. Nüsse, Magic Toast und Kekse. Dazu Wasser oder Cola.

Schmeckt, oder?

Auf den Hügeln stehen hohe Araukarien. Die natürlichen Bestände der brasilianischen Araukarien sind zu 90% ausgerottet. Von geschätzten ursprünglich 250.000 qkm Araukarienwald sind weniger als 1000qkm Urwaldbestand übrig. Unfassbar, was hier vernichtet wird.

Heutzutage wird in Großplantagen angebaut, das Araukarienholz ist wunderschön und sehr beliebt.

Der Wald wird dichter, nun ist auch klar, warum sich niemand aus dem Fenster lehnen soll… nur wenige Zentimeter entfernt flitschen die Zweige vorbei

Die Waggonchefin spricht voll Elan über die einzigartige Artenvielfalt dieses Regenwaldes. Wir beide sind die einzigen im Waggon, die kein portugiesisch sprechen, Pech für uns. Es ist sicher sehr interessant. Das Wort „Bromelie“ kann ich aufschnappen, das ist so ziemlich alles.

Nach etwas über einer Stunde durchqueren wir den ersten von dreizehn Tunneln.

Die Einfahrt wird gefeiert als wär´s der größte Party Event. Unsere Mitreisenden klatschen begeistert und singen ein Lied

Auf der rechten Seite schimmert der breite Rio Cayuguava, mittendrin steht ein hoher Ziegelschornstein. Überbleibsel eines Pumpenhauses, das Curitiba mit Wasser versorgte. Alle zücken die Hendis um ein Foto zu erwischen….

Ick seh´nüscht…..

 

Die Fahrt geht nun durch den Regenwald, diese geheimnisvolle, grüne Welt. Pflanzen dicht an dicht, selbst wieder überwuchert von vielen anderen. Auf einem Hektar können bis zu 450 verschiedene Baumarten vorkommen. Und alle finden trotzdem genug Sonnenlicht.

Dieses grüne Juwel, Mata Atlântica, ist zu mehr als 87% ausgerottet. Unendlich traurig.

Handflächengroße weiße Schmetterlinge trudeln herum. Und stahlblaue Morphofalter, ihre Flügel schimmern im Sonnenlicht.

Der Zug rumpelt über kleine Brücken, tief unter uns plätschert ruhig ein Bach.

Insgesamt 41 Brücken und Viadukte werden wir überqueren.

Mitten im Dschungel tauchen Bahnhofsgebäude auf

Der Zug hält sein angenehmes Reisetempo, gemütlich zuckeln wir durch den Wald.

Ein bißchen „Butterfahrt“- Gefühl kommt auf, denn jetzt werden Souvenirs angeboten. Aufkleber, Anstecker, Maquinista-Mützen und Taschen. Die Leute kaufen gerne.

Unter uns sprudelt der Rio Ipiranga.

Direkt an den Schienen wartet eine Wandergruppe.

Mehrfach kreuzt der Wanderweg Caminho do Itupava die Bahnstrecke. 16 Kilometer lang führt er durch den Dschungel. Ursprünglich von den Ureinwohnern genutzt, wurde der Weg später von Sklaven gepflastert und diente mehr als 200 Jahre lang als Hauptweg der Maultiertreiber, die Waren von der Küste auf das Plateau und zurück beförderten.

Diese Wanderung wollen wir auch irgendwann mal machen…

 

Auf einer Lichtung im Wald steht einsam und allein die Ruine der Casa Ipiranga. 1889 erbaut, diente sie der Familie des Eisenbahnleiters als Wohnhaus.

Es gab ein verglastes Spielzimmer und einen Pool. Nach der Privatisierung der Eisenbahn verfiel das Haus und brannte Mitte der `90er Jahre aus. Ein Verein sammelt Spendengelder, um die Villa wieder zu restaurieren. Viel Arbeit….

Wir zuckeln weiter, folgen den Schlangenlinien des Ipiranga. Mata Atlântica ist der artenreichste Wald der Welt. Reicher als der Amazonas Dschungel. Es werden immer noch neue Arten entdeckt, aber man vermutet auch, daß viele aussterben, bevor sie bekannt werden.

Allein unter Präsident Bolsonaro wurden in nur 12 Monaten 20.000 Hektar Regenwald gerodet. Die massive Abholzung ist eine totale Katastrophe für die ganze Welt.

Die Waggonchefin macht uns auf den „Brautschleierwasserfall“ aufmerksam, auf der rechten Seite, alle springen auf.

Ich versuche mein Fotoglück, kann aber nicht gut sehen. Die beste Sicht ist auf dem Telefon der Dame vor mir….

Achso….ein normales Stauwehr….nun denn….

Lang verlassene, alte Gebäude, der Dschungel begrünt die Gemäuer, erobert sich seinen Raum zurück

Die Baumkronen verschwinden im Nebel der tiefhängenden Wolken, wir atmen die warme ,dampfige Luft der Tropen

Einen ganz kurzen Blick werfen wir in die Schlucht am Fuße des Coroados, die „Teufelskehle“

und zack! sind wir im Tunneldunkel

Direkt nach dem Tunnel das nächste Highlight: der Salto Inferno. Nur ganz kurz zu sehen….Bis hierher wollten wir unsere Regenwaldwanderung im Marumbi Nationalpark machen. Fünf Wasserfälle, zu erwandern vom Visitor Center. Diesmal hat´s leider nicht sollen sein….

1022 Meter ragt er auf, der Coroados

Und wusch! nächster Tunnel. Unsere Mitreisenden zählen jeden Tunnel laut mit….

Ein wunderschöner weiter Blick über den Regenwald, von hier können wir die Strecke erkennen, die wir gleich entlangrollen werden…

Die eisernen Zugräder quietschen über den oder das Viaduto Sinimbu. Eine Stahlkonstruktion von 1885, über 62 Meter hoch.

Ehrlich gesagt, sind wir ganz froh, daß man davon eigentlich nichts sieht. Wir haben Fotos gesehen…gruselig, dieser schwere Zug, so hoch oben und über 140 Jahre alte Stahlstelzen.

Und ab in den Tunnel….

 

 

Santuario de Nossa Senhora do Cadeado – die Kapelle unserer lieben Frau vom Vorhängeschloss ?? Seltsamer Name.

Im 19.Jhd ein Wachpunkt und letzte Ruhesätte der Toten eines Massakers der förderalistischen Revolution. In den 1960er Jahre wurde anstelle des Wachpostens die Kapelle errichtet. Hier kreuzt wieder der Itupava Wanderweg.

Immer und immer wieder versuche ich, einen der vorbeitrudelnden blauen Morphofalter zu erwischen, nicht so einfach….

Vom Viaduto Sinimbu haben wir nicht viel mitbekommen, aber nun folgt die Fahrt über die Ponte Sao Joao. Ebenfalls aus belgischem Stahl, in Einzelteilen aus Europa nach Brasilien transportiert und hier zusammengesetzt.

Wie haben die das gemacht? fragt man sich. Da wird manches Maultier schwer geschleppt haben…

Mitten im Regenwald, 112 Meter lang und 70 Meter hoch überspannt die Brücke den Rio Sao Joao.

Ach du meine Güte….Gut, wenn man schwindelfrei ist…..

Wenig später zeigt sich die Brücke nochmal in aller Schönheit

Zwischen all dem Grün leuchten die gelben Blüten von Schizolobium

Diese Landschaft ist einzigartig schön. Weit entfernt sehen wir den Macaco Wasserfall. Auch dorthin führt ein einfacher Wanderweg und im Wasserfallbecken kann man baden, so heißt es.

 

Kurz vor dem Bahnhof Marumbi befindet sich der Weg zum „Friedhof der Heftklammern“, dem Cimeterio dos Grampos. Ein beliebter Kletterfelsen, daher kommt wahrscheinlich der Name.

Neben der Bahnstation ist ein Visitor Center und ein kleiner, schlichter Campingplatz. Von hier aus starten viele Wanderungen. Man kann hier aussteigen, wenn man vorher Bescheid gesagt hat. Sehr verlockend, so eine Nacht mitten im Wald…

Die Wolken hängen tief über den Baumwipfeln und verbergen die imposanten Felspitzen, die man eigentlich von hier aus bewundern könnte.

 

Ist das nicht umwerfend, dieses Drunter und Drüber der Pflanzen?! Diese Pracht, diese Vielfalt, alles voller Leben!

Die Bahnstrecke macht ein paar große Schleifen.

Da! Ein blauer Morpho! Aufs Bild gebannt

 

Und noch einer!

 

Langsam nähert sich der Zug Morretes, die Zeit ist im Nu vergangen

Die ersten Häusl und Wege tauchen auf

 

Drei Stunden Zugfahrt, da muss man irgendwann die Banheiros aufsuchen. Zugtoiletten -> normalerweise ein Ort des Grauens. Hier nicht. Picobello sauber, der Boden trocken, kein Müll, keine Pfützen, nirgends. Obwohl der kleine Raum schon eifrig und von vielen Leuten benutzt wurde.

 

Der Zug fährt eine lange Kurve, die Häuser von Morretes kommen in Sicht.

Dort warten schon die Reisebusse, die die meisten Passagiere zurück nach Curitiba bringen

Da sind wir wieder…..

Aussteigen bitte!

Unsere Waggonchefin verabschiedet sich mit Handschlag, Wangenküsschen und guten Wünschen von uns.

So eine schöne Fahrt! Wir sind begeistert!

 

 

 

Während die meisten Passagiere zu ihren Bussen strömen oder sich ihrer geführten Tour durch Morretes anschließen, lassen wir uns Zeit, laufen zum Fluss hinüber und machen erstmal ein Picknick.

Liebe Grüße, bis später!

Julia & Martin

Drink positive!

Auf Instagram: Rappelkisteberlin

 

 

 

 

 

 

 

 

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