Nur 40 Kilometer durch den wolkenverhangenen Regenwald sind es bis nach Paraty.
Ein breiter Boulevard führt hinunter zur Altstadt am Meer. Fast angekommen stoppen wir. Wir dürfen nur nach links abbiegen.
In eine schmale, zugeparkte, megaholperige Gasse. Das Pflaster muss original von 16hundertirgendwas sein, ein grauenhaftes Geschaukel.
Zentimeterarbeit. Ganz langsam vorwärts, ich hänge aus dem Fenster, sage die Abstände zu den parkenden Autos an. Nicht schön. Dann ein Abzweig nach rechts mit einem Höhenwarnschild von 3,50 Metern. Rappel misst 3,70. Zurückfahren ist keine Option -> Einbahnstrasse.
Wieso überhaupt ein Höhenwarnschild? Kommt irgendwo eine Brücke oder Schranke? Martin geht die Gasse ab.
„Alles okay, das betrifft die vorspringenden Dächer, kein Problem. Und da hinten wird es besser“ sagt er. Also rein da….
Tatsächlich kommen wir am Ende auf eine angenehme Strasse, um die Altstadt herum und zu einem großen Parkplatz. 40RS – ca 6,30€ – kosten 24 Stunden. Am Ufer stehen schon ein paar Womos aus Deutschland und der Schweiz.
Die ersten europäischen Wohnmobilisten, die wir auf dieser Reise treffen.
Erschöpft von unserer gestrigen Regenparty sinke ich auf´s Sofa. Martin macht sich einen netten Tag, plaudert mit den Nachbarn. Ülküm und Sellis VW hat Motorprobleme, Martin hilft gerne bei der Autoreparatur.
******************************************************************************
Guten Morgen!
Ein Bronzekiebitzpärchen führt ihr Küken aus, wir bummeln in die Stadt.
Wilde Wolken hängen in den Bergen fest, kräftiger Wind bläst durch die Palmblätter. Die Luft ist warm und trocken, wie angenehm, die Handtücher und Betten, alles trocknet wieder!
In den Gassen steht das Wasser. Die Altstadt von Paraty wird bei Flut regelmässig überschwemmt. Das hatte den Vorteil, daß die Waren mit Kanus vom Hafen direkt zu den Lagerhäusern gebracht werden konnten und umgekehrt. Außerdem wurde der ganze Dreck aus den Strassen weggespült.
Wir spazieren zuerst zum Fischerhafen. „Gigante“ ist ein lustiger Name für das Schiffchen…
Fest vertäut warten Ausflugsboote zu den umliegenden Pirateninseln auf Kundschaft
Im Hafen laden Fischer ihren Fang aus. Kistenweise blausilbern schillernde Fische mit schwarzroten Speerspitzen und schwere, große Barsche.
Silberreiher warten auf ihr Frühstück.
Vergeblich halten wir Ausschau nach Frittierbuden.
Stattdessen finden wir den Hortifruti Para-ti, einen tollen Gemüseladen.
Direkt über unseren Köpfen hinweg dröhnen kleine Flugzeuge auf dem Landeanflug zum Flugplatz mitten in der Stadt.
In einer großen Runde spazieren wir zurück zur Altstadt. Durch den Hinterhof von Paraty, dem nicht so schmucken Teil, in dem die ganz normalen Leute wohnen.
Ein krasser Gegensatz zur schick renovierten Altstadt.
Wunderschön, doch der Weg durch die Gassen wird zum Balance-Akt auf dem Pflaster der Hölle. Wahre Knöchelbrecher diese Wacker, teilweise rutschig, man muss wirklich sehr gut aufpassen.
Waren werden mühsam mit Sackkarren über das Pflaster geschoben oder mit Muliwägen transportiert.
Am Vormittag ist nicht viel los, vorsichtig kraxeln wir über die Steinbrocken zurück zur Rappelkiste.
Martin macht sich an den Umbau unserer Gasanlage. Neuer Anschluss für die brasilianische Flasche.
Der Gasdruck sinkt von 3 auf 2,8 bar, das merkt man tatsächlich.
Ein entspannter Nachmittag auf den Liegestühlen, plaudern mit den Nachbarn, die Sonne schickt ihre letzten Strahlen über die Berggipfel
Uns gefällt´s hier!
***************************************************************
Heute wollen wir versuchen unseren Aufenthalt in Brasilien zu verlängern. Aufgeregt und gespannt machen wir uns auf den Weg zur Policia Federal, um dort den Antrag zu stellen.
Freundlich erklärt uns ein Officer, das wir an der verkehrten Stelle fragen. Wir müssen nach Angra dos Reis, ca 70 Kilometer nördlich.
Puff! Die ganze Aufregung umsonst.
Auf dem Rückweg lavieren wir wieder über das Folterpflaster der Altstadt, lauschen den Strassenmusikern, kommen in Bummel-Laune, entdecken hübsche Restaurants und Cafes. Das Restaurant unter dem Baum merken wir uns schon mal vor….
Gelangweilt ziehen die Pferdchen die Touristenkutschen hinter sich her, wir linsen in grüne Hinterhöfe
Die Flut setzt alles unter Wasser, über Mäuerchen und Stege kommen wir nach Hause
Alles sehr entspannt, wir verlängern noch um einen Tag.
************************************************************************
Morgens taucht eine Sandbank aus dem ablaufenden Wasser. Man kann ein bißchen wie Jesus über das Wasser wandeln….
Es gibt wieder viel zu entdecken…Winzige Fischlein sonnen sich in den flachen, warmen Wellen. Das Schneckenhäuschen läuft plötzlich los, ein Einsiedlerkrebs wohnt darinnen.
Im Sand glitzern Millionen von Goldplättchen. Ovale Quallen sind gestrandet, im Sonnenlicht glimmt ein grünes Band in ihrem Körper auf. Unglaublich, ein voll funktionsfähiger Körper der zu über 95% nur aus Wasser besteht, unbegreifliche Natur.
Schönstes Sommerwetter…..
Es ist Samstag, der Parkplatz füllt sich, Menschenmassen entern die Ausflugsboote.
Die Sandbank taucht lieber wieder ab
Wir schlendern zum hübschen Lokal unter dem großen Baum.
Unser Mittagessen: Reis und Pommes gehören immer zusammen auf brasilianische Teller. Hier gibt es noch Bohnen dazu.
Etwas ratlos macht uns das Farofa: geröstetes Maniokmehl. Es schmeckt fade, eben nach Mehl. Was macht man damit? Hm……
Nach dem Essen wandern wir gemütlich durch die Altstadt, es gibt jedes Mal etwas Neues zu entdecken.
Einkehr auf einen kühlen Chopp Bier
Leider ist es irgendein amerikanisches Bier, wässrig und schal, erinnert an Kölsch ( Entschuldigt bitte, liebe Kölner! )
Hinter den Mauern verbergen sich die schönsten Gärten.
Langsam kehren die Ausflugsboote zurück, die Leute kommen zu ihren Autos auf den Parkplatz. Eine große Familie packt Stühle und Picknick neben uns aus. Sie fragen, ob das für uns okay ist, daß sie hier picknicken. Selbstverständlich!
Natürlich bekommen wir sofort Bier und Chips angeboten. Fröhliche Leute, sie plaudern, lachen und singen.
Dann kommt das Beste:
Die Klappe vom Pickup gegenüber wird geöffnet. Auf der gesamten Ladefläche ist eine Monsteranlage installiert, die jedem Techno Club zur Ehre gereichen würde. Glasklarer, sauberer Sound mit ordentlich Bass und einer Hammer – Lichtanlage!
Der Strand wird zur Disko!
„Vagabundo“ von Gusttavo Lima schallt über den Platz. „Sua música!“ ruft der DJ zu uns rüber, „Euer Lied!“
Ist das nicht allerliebst? Die bunten Lichter flimmern, es wird getanzt.
Großartig! Zum Sonnenuntergang wandert die Familie zur Sandbank für´s Gruppenfoto.
Während der Samba schallt und die Lichter flimmern wird es dunkel…..
Eine Stunde später sind wir wieder ziemlich allein auf dem Parkplatz am Meer.
Still ist es. Im Hafen spiegelt sich Laternenlicht
Am Himmel steht ein traumhaft schöner Sichelmond
Boa Noite!
***************************************************************************
Martin liegt unterm Auto, schaut nach der Staudruckbremse.
Diagnose: dieHalterung der Staudruckbremse ist abgebrochen, durchgerostet. Kurz gesagt: im Eimer.
Ich stehe in der Küche und sehe, wie zwei Männer ganz nah an Rappelkiste heranlaufen, einer bückt sich, dann verschwinden beide in den Büschen. Was haben die da gemacht? Hm……
Plötzlich höre ich Martin rufen: „Hast du mein Handy gesehen?“ Nein, aber ich haben einen Verdacht wo es sein könnte.
Hätte ich die beiden Männer nicht durchs Fenster gesehen, wäre ich nie auf den Gedanken gekommen in die Büsche zu gehen und sie direkt zu fragen, ob sie das Telefon haben.
Sie hocken auf dem Boden und geben es sofort zu. Einer beginnt an der Feuerstelle im Boden zu graben. Gräbt eine Weile hier und dort und fördert dann tatsächlich Martins Telefon ans Licht. Verdammte Bande! Wir bekommen es zurück, dann werden wir um Geld für einen Kaffeee gebeten. Nee, Leute, Belohnung gibt´s nicht!
Nun, das gehört auch dazu, daß man mal keine so schöne Erfahrung macht.
Nachmittags bekommen wir Besuch von diesen beiden Bikern, die fragen, ob sie Fotos mit Rappelkiste machen dürfen. Natürlich!
Die Altstadt von Paraty kennen wir jetzt schon ganz gut, aber nicht im Dunkeln. Das holen wir heute nach.
In einer Cachacaria probieren wir Cachaca pur.
HUST! Hoppla! Das ist etwas zu kräftig für uns!
Wir testen Likör, überraschend gut ist der Mais-Likör, total lecker, ein bißchen wie Eierlikör, nur eben ohne Ei. Sehr gut!
Am Fenster steht ein Tischchen, och, nett hier! Wir bleiben, bestellen Caipirinha und einen Pflaumenlikör-Zimt-Rote Früchte Cocktail.
Hui, das sind ein paar ordentliche Eimer….köstliches Gesöff!
Das war schon mal gut. Die Becher sollen wir mitnehmen, okay, machen wir.
Vor der Kirche sitzt eine Familie und singt, das rührt unser Herz, sie bekommen unser Kleingeld. Eine schöne Abendstimmung, langsam füllen sich die Gassen und Restaurants.
Zufällig bummeln wir an einer Filiale unserer Cachacaria vorbei. Mit den Bechern bekommen wir Rabatt auf Cocktails. Wer lässt sich da lange bitten?
Ich probiere Cachaca Ouro mit frischer Maracuja. Frische Maracuja hat wirklich gar nichts mit dem Maracujasaft aus deutschen Supermärkten zu tun. Schmeckt einfach göttlich!
Bevor wir noch mehr bestellen können, beginnt es zu regnen, fröhlich machen wir uns auf den Weg.
Gleich sind wir da….patschnass bis auf die Haut, es regnet inzwischen in Strömen….macht nichts…
Ein schöner Abend! Boa noite!
*******************************************************************
Zwei oder drei Tage wollten wir in Paraty bleiben. Jetzt ist fast eine Woche vergangen.
Geier spiegeln sich in großen Pfützen während sie ihre Federn trocknen
In einem weiten Bogen wandern wir zum Hortifruti und bunkern Gemüse für die nächsten Tage. Paraty ist auch bei miesem Wetter schön.
Heute Abend sitzen wir alle noch einmal zusammen, unsere Wege trennen sich morgen….
Schön war´s!
Am nächsten Morgen packen wir´s.
Rio ruft!
Liebe Grüße, bis dann!
Julia & Martin
Drink positive!
Auf Instagram: Rappelkisteberlin























































































































Schreibe einen Kommentar