Die barsche Ablehnung unserer Aufenthaltsverlängerung müssen wir noch einen Moment verkraften. Hatten wir schon sehr drauf gehofft, sooo gerne würden wir noch drei Monate in Brasilien bleiben.
Nun denn.
Vom Flughafen wandern wir los. Am anderen Ufer erhebt sich der Zuckerhut, also, der sieht wirklich ganz schön anders aus als auf allen Fotos.
Gegenüber wieder Cristo Redentor, omnipräsent
Los geht´s, in die Strassenschluchten von Rio. Zuerst durch einen Palmenpark
Die Blätter sind viel viel größer als wir
Todesmutig überqueren wir einen breiten Boulevard mit unzähligen Fahrspuren, du meine Güte, von überall kommen Autos angebraust!
Die Hochhäuser lassen wir rechts liegen und biegen ab in eine kleine Gasse.
Genau richtig abgebogen, diese Bar gefällt uns, merken wir uns schon mal für später.
Wir sind in Lapa, sehr bunt, sehr alt, etwas runtergekommen, aber angenehm entspannt.
Strassenkunst lagert in einem Hauseingang. Nicht schlecht.
Das alte Rio, elegante Altbauten, Schattenbäume, eine sehr schöne Atmosphäre, still und gemütlich.
Einmal um die Ecke und es ist schlagartig voll
Die Escadaria Selarón, die Lapa Steps, sind nicht mehr weit.
Die Treppe verbindet die Viertel Lapa und Santa Teresa. Das Lebenswerk von Jorge Selarón. Über Jahre verzierte der Künstler die Treppe mit mehr als 2000 Fliesen aus über 60 Ländern.
Was für eine Sammlung! Hier klebt eine Swastika neben Estonien und Nils Holgersson. Bunt gemischt und farbenfroh.
Wo findet man heute noch so schöne Fliesen?
Steil geht es hinauf. Es ist voll, aber das macht nichts, denn wie immer wird nicht gedrängelt. Bei den Getränkeständen dudelt Sambamusik
Teils traumschöne Häuser, verborgen in kleinen Gärten.
Je weiter wir nach oben schnaufen, desto leerer wird es. Die meisten Leute erklimmen nur die Hälfte…
Uff! 215 Stufen geschafft!
Wir sind in Santa Teresa, bekannt für seine prachtvollen Gründerzeitvillen….
Ähhh…..Das sieht erstmal etwas anders aus als erwartet
Durch ein Gässlein kommen wir zu einer Haltestelle der Bonde de Sta Teresa, der alten Strassenbahn.
Und da stehen auch die alten Schönheiten
Wir wandern den steilen Hügel hinab. Zwischen den Häusern ragt der Kegel der São Sebastião Cathedrale empor.
Über die Arcos da Lapa rumpelt und quietscht hoch oben die Strassenbahn
Vor den Arcos ein großer Platz, Treffpunkt von Junkies und Obdachlosen. Manche liegen so regungslos auf dem Boden, leben die noch?
Unser Weg führt zunächst an der Cathedrale vorbei.
Wer winkt da schon wieder von Ferne? Klar! Cristo der Erlöser!
Über Umwege erreichen wir die Bondinho Haltestelle. Die Bahn wurde 1872 erbaut und ist nicht nur Touri-Attraktion, sondern normales Transportmittel für die Sta Teresianer. Bis zur Elektrifizierung 1896 wurden die Waggons von Pferden den Hügel hinaufgezogen.
Die Tickets kosten 20RS pro Person, ca 3,19€. Für Anwohner ist die Fahrt kostenlos.
Die Schlange ist lang, eine Stunde Wartezeit, ach, das ist nicht schlimm. Es tut gut, sich mal ein bißchen auszuruhen. Und Bänke gibt es auch.
Da kommt unsere Bahn, wir quetschen uns in die erste Reihe hinter den Chauffeur.
Los geht die Ruckelfahrt in den offenen Waggons, schwindelerregend schaukelt die Bahn über die Arcos de Lapa
Vorbei an der Haltestelle, die wir schon kennen, den Hügel hinauf durch schmale Gassen mit Gegenverkehr und Mopeds
Santa Teresa macht seinem Ruf alle Ehre. Bunt, grün, lebendig, viele Künstler haben hier ihre Ateliers.
Stattliche Häuser zeigen Reichtum und Pracht. Die Mischung macht´s: unterschiedliche Baustile und Größe, alle umgeben von herrlichen Gärten.
Hoch oben über der Stadt, wo die Luft kühler ist und mit einem traumhaften Blick auf die Bucht. Wie das nachts glitzern und funkeln muss…..
Hallo Cristo!
Eine halbe Stunde zuckelt die Bahn bergauf zur Endstation. Oben angekommen werden die Sitze umgeklappt, die Stromabnehmer umgesetzt und es geht wieder runter.
Für die Talfahrt müssen wir nicht noch einmal bezahlen, die ist inklusive.
In Santa Teresa wohnt man sicherlich sehr schön…
Hier ruht ein Palast im Dornröschenschlaf, der Nachbar strahlt wie neu in Schneeweiß und Gold
Die Bahnbimmel schrillt, manchmal muss der Chauffeur ganz schön in die Eisen. Dicht an den Schienen parkende Autos, entgegenkommende Lieferwagen, Fahrer, die sich noch ganz schnell vorbeiquetschen wollen.
Schon sind wir wieder am Tor vor der Arcos-Brücke. Noch kurz den Kollegen vorbeilassen, dann schaukelt der Waggon über das schmale, hohe Viadukt
Talstation, alle aussteigen, bitte!
Das hat richtig viel Spaß gemacht!
Gut ausgeruht wandern wir los, zur Cathedrale São Sebastião.
Hoch oben klettern Bauarbeiter an den Betonwaben der Fassade entlang.
Die Kathedrale, 1979 fertiggestellt, wirkt von außen sehr klar, geometrisch. Strenge Form und kühles, graues Material.
Gehen wir mal rein.
Wow!
Das indirekte Tageslicht durch die Waben schafft eine helle, spirituelle Atmosphäre. Geradezu übersinnlich, wie tausend Seelenlichter, die in den Raum strahlen.
Völlig überraschend sind die Mosaikfenster. Von außen überhaupt nicht sichtbar.
Die Wirkung des Buntglases im Gegensatz zur Betonkühle ist umwerfend. Die Farben wärmen den Raum, lösen die Strenge.
Besonders eindrucksvoll: der Blick gen Himmel.
Ein durch Tageslicht erhelltes Kreuz, das in bunten Farbstrahlen zur Erde strömt
Edgar de Oliveira da Fonseca hat einen fantastischen Sakralbau entworfen, eine perfekte Verbindung von Himmel und Erde allein durch Licht. Bravo!
Während wir völlig begeistert die Fenster betrachten, entdecken wir hoch oben in den Waben winzig kleine Bauarbeiter, die sich abseilen und mit einer Stange losen Beton abkratzen. Die Cathedrale wird gerade aufwändig restauriert.
Von allen modernen Kirchen, die wir bis jetzt gesehen haben, ist diese hier wirklich gelungen, finden wir.
Kompliment!
Wie unauffällig sich die großen Glasmosaike in die Betonfassade einfügen, ihre strahlendbunte Magie ist überhaupt nicht zu erahnen!
Gegenüber spiegeln die Hochhausfenster die Cathedrale
So. Inzwischen ist längst der späte Nachmittag angebrochen, uns soll es für heute genug Sigtseeing gewesen sein. Wir machen uns auf den Weg zurück zur kleinen Kneipe, die wir heute Vormittag in Lapa entdeckt haben.
Dort bestellen wir uns eine große Flasche Brahma Bier und Pommes und beobachten das gemütliche Leben in Lapa. Fühlt sich ein bißchen wie Kreuzberg an…
Kurz nach 17 Uhr, es wird Zeit zu gehen. Ein Uber bringt uns wieder hinauf zum Fritz House. Am Zuckerhut vorbei, über Umwege durch Copacabana, in Ipanema tragen die Händler ihre Minigrills nach Hause, alles ist schon zusammengepackt.
1½ Stunden stauen wir uns durch die Stadt, voller Bewunderung für die Geduld und Millimeterarbeit der Autofahrer.
Rio de Janeiro ist so viel mehr als Copacabana und Ipanema. Keine Schönheit auf den ersten Blick, aber auf den zweiten und dritten und vierten und……..uns gefällt´s sehr gut hier!
Bis morgen! Liebe Grüße!
Julia & Martin






























































































































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