Über Grenzen – Ungarn, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro bis Albanien

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So wie wir nach Budapest reingefahren sind, fahren wir auch wieder hinaus: gaaaaanz langsam im Stau. Mit Blick auf die Donau.


Die ungarische Landschaft zieht an uns vorbei, braune Felder, Herbstbäume, verregnet, flach und einschläfernd. In den Orten niedrige Gebäude mit Betonwabenfassaden, hinter denen sich schaufensterlose Supermärkte verbergen. Plötzlich mal ein interessanter Kirchturm.

Gegen Abend umgeben uns kleine Weinberge, wir erreichen Sechshardt, jetzt wird es interessant. Wir parken auf dem großen Platz der Winzerei Bodri und kehren nach einem Spaziergang im dortigen Restaurant ein. Auf unsere Frage: „Do you speak english?“ antwortet die fröhliche Kellnerin: „ Lieber deutsch, das ist leichter für mich!“
Hier arbeiten ambitionierte Köche mit viel Fantasie, das Angebot klingt außergewöhnlich. Allerdings sehr fleischlastig und damit nichts für uns. Wir halten uns an die Weine und die sind vorzüglich. Die Preise aber auch, alles nach oben offen.
Später kochen wir uns in unserem Shelter selbst ein hervorragendes Essen, wir feiern nämlich heute unseren 30ten Jahrestag. In der Dämmerung wummert eine große Jägergruppe mit ihren 4×4 Pickups auf den Parkplatz. Die schweren Rucksäcke voller Beute, auf den Ladeflächen erlegte Rehe und Wildschweine. Halali, die Jagd hat sich offensichtlich gelohnt. Danach kehrt Ruhe ein.

Im dichten Nebel fahren wir am nächsten Morgen die letzten Kilometer zur Grenze Ungarn -Kroatien. Innereuropäische Grenze, wir erwarten verlassene Gebäude und freie Durchfahrt. Pustekuchen! Etliche Kilometer lang stauen sich die LKWs vor der Grenze. Nee, da stellen wir uns nicht mit dazu, da brauchen wir ja Tage! Zack, munter dran vorbeigefahren auf der Pkw-Spur. Oh, das gefällt der ungarischen Grenzbeamtin aber gar nicht! Barsch winkt sie uns zur anderen Seite, wir quetschen uns zwischen die wartenden Lkws, na, da haben wir uns ja geschickt vorgedrängelt. Die Kontrolle ist schnell erledigt, wir fahren durch, an der nächsten Lkw- Schlange vorbei zur Einreise Kroatien. Der kroatische Grenzbeamte kommt schon schimpfend auf uns zu. Ohje… Martin versucht ihm zu erklären: „No Camion, Wohnmobil, Camper, no Truck!“ Der Beamte erhitzt sich, ein kroatischer, übellauniger Wortschwall ergießt sich über uns. Dabei zeigt er mit energischen Handbewegungen rüber zu den wartenden Lkws. Wir verstehen nur: „ no Wohnmobil, Camion, Camion….“ Aufgeregt und wütend scheucht er uns ohne Halt durch die Passkontrolle, wir sollen dahinter umdrehen, zurückkommen und uns dann ganz ans Ende hinter den letzten Lkw stellen. Während wir hinter dem Kontrollposten wenden, diskutiert er mit Kollegen. Wir stehen jetzt schon irgendwie in Kroatien und sollen nun wieder aus Kroatien raus. Er kommt zu uns rübergelaufen, schiebt ein paar Absperrpfosten zur Seite und jagd uns mit schroffer Geste wieder zurück in die andere Richtung. Wir sollen schnell wieder umdrehen und verschwinden! Also dürfen wir doch nach Kroatien einreisen und zwar ohne das irgendjemand unsere Papiere zu Gesicht bekommen hätte. Vielleicht hatte er einen besonders schlechten Tag….

Kroatien schiebt sich als Landzunge zwischen Ungarn und Bosnien, wir brausen in einem Zug durch. Landschaftlich ist es genauso öde wie Ungarn. Aber es ist deutlich ärmlicher hier, als an der kroatischen Küste.

Nächster Grenzposten:  Ausreise aus Kroatien, EU – Außengrenze, wir sind gespannt. Wieder auf die Pkw – Linie, der Grenzer kommt. Aber diesmal rufen wir das Zauberwort: „Tourist!!“ Ah, kein Problem, er winkt uns durch. So geht das also! Einreise Bosnien- Herzegowina. Wieder „Tourist!!“ Hm, dieser Beamte findet das nicht lustig. Grimmig winkt er uns aber weiter. Der Papierkontrolleur hingegen ist sehr freundlich: „ was für eine scheene Auto!“ Martin und er unterhalten sich nett. Der Kollege umkreist die Rappelkiste: „Open!“ Martin schließt auf, holt aber die Leiter nicht raus. Der Beamte wirft einen Blick von unten hinein, alles okay. „ Gute Reise!“ Dankeschön!
Bosnien – Herzegowina. Wir fahren bis Tuzla durch. Jede Ortschaft ein Mix aus verfallenen Häusern, Bauruinen, bewohnten Behausungen kurz vor dem Zusammenfallen. Dazu ganz neue, moderne Häuser, viele unverputzt, die Balkone oft ohne Gitter. Alle heizen mit Holz, große Stapel liegen vor den Häusern. Heustadel stehen auf den Wiesen. Strassenhunde sind unterwegs, elende Gestalten, die einem leid tun. Viele von ihnen tragen gelbe Ohrmarken, ein Zeichen dafür, daß sie kastriert sind. Am Strassenrand Verkaufsstände die nur Weißkohl anbieten, überall massenweise Weißkohl. Soviel kann doch keiner essen?!

Der Jugoslawienkrieg der 90er Jahre ist allgegenwärtig, die verlassenen Häuser und Ruinen eine Folge des Krieges. Tuzla, Srebrenica, Mostar, Sarajevo, Banjaluka. Die Namen auf den Ortsschildern verbinden wir mit Greueltaten, entsetzlichen Massakern und Massengräbern. Einschusslöcher in den Fassaden der Häuser und viele Kriegsdenkmäler in der Landschaft erinnern an die Opfer.
Am Modracsee bei Tuzla halten wir für die Nacht. Malerisch gelegen, eine kleine Laubenkolonnie am Ufer, ein paar Laubenbewohner grüßen uns freundlich. Der Wasserstand deutlich zu niedrig. Und viel Müll um uns rum. Am liebsten wären wir umgekehrt, statt hier im Müll zu stehen, aber es wird bald dunkel. Wir bleiben. So im Sonnenuntergangsdämmerlicht sieht´s dann richtig schön aus. Den Müll denken wir uns weg und dann ist es wirklich ein schöner Abend an einem schönen Platz am See. Nachts beginnt es wieder zu schütten. Wie schade, bei sonnigem Wetter hätten wir ein bißchen aufgeräumt und wären gerne noch geblieben.

Morgens weckt uns der Muezzin, viele Moscheen und christliche Kirchen stehen in Bosnien in trauter Eintracht.

Wir wollen heute bis zur Grenze nach Montenegro kommen. Inzwischen haben wir uns auf einem DinA4 Blatt groß das Wort „Tourist“ aufgemalt, das wollen wir an der Grenze hinter die Windschutzscheibe stellen. Mal sehen, wie das wirkt…


Es wird bergiger, auf den Hängen sehen wir über Kilometer hinweg herrliche, riesige Laubwälder in Herbstfärbung, wunderschön! Hier könnte man sicher viele spannende Offroadstrecken entdecken!

Kann man leider nicht. Bosnien ist ein Offroad- Alptraum! Überall im Boden stecken Landminen, durch Erdrutsche weitertransportiert, sodaß niemand mehr weiß, wo sich die Minen verbergen. Wem sein Leben lieb ist, der sollte sich nicht abseits der offiziellen Wege in Bosnien bewegen. Was für eine Katastrophe!
Unsere Strasse schlängelt sich durch eine eindrucksvolle Schlucht mit hohen Felswänden. Die Strassenschilder sind nun nur noch kyrillisch geschrieben?!

Nicht mehr weit bis zur Grenze. Nochmal volltanken, bitte, der Diesel kostet 1,28€ / Liter. Das ist günstiger als in Montenegro. Gegenüber verkauft ein Mann kistenweise Paprika und Bananen.

Für die letzten 30 Kilometer bis zur Grenze biegen wir ab auf einen Schotterweg mit tiefen Schlaglöchern. Holzbrücken überqueren kleine Bäche. Es wird enger. Das soll der Weg zur Grenze sein? Unterhalb im Tal fließt die Drina. Viele Rafting Camps bieten Wildwassertouren auf dem Fluss an. Zwei 40 Tonner kommen uns entgegen, wir quetschen uns aneinander vorbei. Momentmal, stand am Anfang der Strasse nicht was von über 12 Tonnen verboten?

Tatsächlich kommen wir nach einer Stunde Rumpelfahrt an einen einsamen, kleinen Grenzposten. Ausreise Bosnien. Der Grenzer lacht, als er unser Touristschild sieht. Das ist nett! Der Kollege will in unsere Wohnung gucken, die fehlende Leiter hindert ihn nicht, er klettert hoch. Oben sieht er sich um, Daumen hoch, gute Reise!
Bosnien hat uns sehr gut gefallen, landschaftlich sehr, sehr schön, die Leute sehr freundlich. Überall sind die Spuren des Krieges zu finden und es gibt ein Riesenmüllproblem. Wirtschaftlich scheint Bosnien-Herzegowina noch sehr angeschlagen zu sein, die Armut ist nicht zu übersehen. Wir würden trotzdem sehr gerne nochmal im Sommer ausführlich durch Bosnien touren.
Über eine hohe, einspurige Holzbrücke – nicht über 12 Tonnen! – geht es über den Fluss Tara hinüber nach Montenegro. Wir denken auf der Brücke nochmal an die zwei 40 Tonner, die müssen ja auch hier drüber gebrettert sein.

 

Am Grenzposten in Montenegro alles unkompliziert, Papiere, Sretan put, gute Reise!
Und dann kommt`s…..
eine der allerschönsten Strecken, die wir je gefahren sind!! Hoch über dem Fluss Piva schlängelt sich, in die Felsen geschlagen, eine kleine Landstrasse auf 30km durch ca 60 Tunnel. Rau behauene Torbögen, mehrere dicht hintereinander. Von kurzen Tunneln wechseln wir in lange tiefe Tunnel, grob in die Felsen geschlagen, unbeleuchtet, stockfinster, unsere lightbar erweist sich als sehr nützlich. Und so geht es weiter, von einer Kurve zur nächsten, rein in den Tunnel und wieder raus. Sobald wir einen Tunnel verlassen, erhaschen wir spektakuläre Ausblicke tief hinunter in die Pivaschlucht und auf den smaragdgrünen Fluss. Beeindruckend, wir sind total begeistert! Uns stockt der Atem, als wir einen kurzen Blick auf die 200 Meter hohe grazile Brücke werfen, die wir überqueren müssen. Eine gewaltige Bergwelt ragt um uns auf, das Durmitor Bergmassiv. Wir überqueren die Schlucht abermals über die gigantische Staumauer des Piva-Stausees. Auf den Felskanten krallen sich einzeln stehende Nadelbäume fest, wie Kammzähne. Das ganze natürlich bei strömendem Regen…..

Eine wirklich außergewöhnlich schöne Fahrt!!
Ganz begeistert von dieser wunderschönen Strecke erreichen wir abends Pluzine. Angekratzte mehrgeschossige 70er Jahre Betonbauten stehen hoch über dem See. Auch diese Häuser werden mit Holz beheizt, erstaunlich. Das alte Pluzine ist dem Stausee zum Opfer gefallen. Wir parken bei einer Bar mit freiem Wifi, das passt.

Am Tresen entwickelt sich überraschend eine kleine Diskussion: „ you have to pay 10,-€ for parking.“ Das machen wir auf keinen Fall. Martin lächelt und verhandelt : „we have a drink and pay 5,-“ „ No, 10,-“ „ No, 5,-“ „ No 10,-“ „ No 5,-“ „No 10,-“ „ No 5, or we have another drink and pay nothing“ , der Kollege winkt ab. Am Ende bezahlen wir nichts. In der Bar sitzt der Dorfpolizist beim Bierchen, alles ist grellgrün und lila ausgeleuchtet, auf einem Fernseher läuft Fussball in voller Lautstärke, nur übertrumpft vom zweiten Fernseher mit Montenegro-Pop, erinnert an den Eurovision Song Contest. Ein Spielautomat geht mit seinem Gebimmel im Lärm unter. Gemütlich. Wir trinken ein Bier und einen Wein und stöbern im Internet. Draussen regnets. Lange bleiben wir nicht in der Bar sitzen.

In der Nacht ist auf den hohen Berggipfeln Schnee gefallen. Wir starten früh Richtung albanische Grenze an der Piva entlang. Aufwärts führt die kurvenreiche Strasse bis wir auf über 1000 Metern eine wunderschöne, weite Hochebene erreichen. Wiesen ziehen sich in weichen Wellen über weite Flächen, vereinzelt liegen kleine Dörfer. Große Felsbrocken begrenzen am Rand die Ebene, dahinter erstrecken sich tiefe Laubwälder und alles lädt zum Wandern ein.

Alles – außer den regenschweren, dunkelgrauen Wolken, die sich vor uns an den albanischen Alpen zusammenballen. Gewitterblitze erhellen kurz die gespenstische Szenerie, nicht lange und wir stecken wieder im schlimmsten Wetter. Im Tal sind die Flüsse über die Ufer getreten, überall sehen wir die Überschwemmungen. Und es gießt weiter.

Auch in diesem Land sind viele Strassenhunde unterwegs, das wird uns ab jetzt durchweg begleiten. Montenegro wirkt insgesamt wirtschaftlich deutlich besser gestellt als Bosnien. Landschaftlich ist Montenegro unbestreitbar der bisherige Höhepunkt unserer Reise! In irgendeinem Sommer werden wir wieder kommen und uns das alles nochmal ausführlicher ansehen.

Sechs Länder haben wir bis jetzt schon durchquert: Deutschland, Österreich, Ungarn, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro. Eine fantastische Tour!
Der Skutari See bildet die Grenze zwischen Montenegro und Albanien.

Wir können schon mal einen Blick hinüber werfen. Einmal tanken wir noch in Montenegro, wir haben dunkel in Erinnerung, daß Diesel teuer ist in Albanien. Die Strasse zur Grenze ist gut ausgebaut, der Grenzposten klein aber fein. Unser Touristschild kommt wieder ins Fenster, aber die Lkw Spur ist ohnehin geschlossen. Die Ausreise aus Montenegro ist völlig unkompliziert. Wie wird die Einreise nach Albanien? Kurz gesagt: ein Kinderspiel. Sehr freundliche Grenzbeamte. Papierkontrolle, alles modern, Daumen hoch, der Grenzer plaudert etwas auf deutsch mit uns und schon sind wir drin!
Albanien – gefühlt ein noch fremderes Land als die vorigen. Welche Abenteuer erwarten uns hier?
Wir sind gespannt…..
Bis bald, liebe Grüße!


Julia und Martin
Drink positive!

2 Antworten

  1. Frank Lange

    Hallo Ihr Zwei.
    ein echt schöner Bericht über die Reise nach Albanien.
    Das mit dem Schild Tourist ist eine gut Idee.
    So was ähnliches haben wir uns für unsere Nächte Reise nach Albanien auch Überlegt.
    Wir hatten auf der hin Reise Östereich, Slowenien, Kroatien,usw auch keine Probleme.
    Dafür aber auf der Rückreise.
    An jeder Grenze Proble bei der Ausreise , dann auch zwischen den Grenzen und an der Einreise.
    “ Nix Camper gosses LKW “ extra Ticket und so weiter .
    Deshalb habe ich mir so überlegt auf eine DIN A4 Seite Auzüge aus den Fahrzeug Papieren Fotos vom Innenraum,
    eins vom Campen mit Markiese Tisch und Stühlen, sowie kurze Übersetzung in Landessprache zu basteln.
    Mal sehen ob ich das über Winter hin bekomme.
    Vielleicht haben wir dann weniger Diskussionen an den Grenzen.
    Okay und Euer Tourist Schild kommt auch noch vielleicht als Magnettafel an die Tür.
    Ich wünsche Euch noch eine schöne Reise.
    LG Frank

    • rappelkiste

      Hallo Frank, danke für den schönen Kommentar. Man muß sich eben erstmal wieder an Grenzen gewöhnen. So eine Mappe ist eine gute Idee.
      Liebe Grüße Julia & Martin

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