Brot kaufen

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Stromausfall in Zagora. Die Bankautomaten funktionieren nicht. An der Tankstelle müssen wir bar bezahlen, jetzt haben wir kaum noch Bargeld übrig. Mit beinahe leeren Taschen setzen wir unsere Reise fort. Adieu Zagora! Nach ungefähr 20 Kilometern sichten wir abseits der Strasse im Gelände einen großen Offroad – Lkw. Moment mal, das ist ein Steyr, ein lila Steyr – tatsächlich, die Pistenkuh. Unter Geländefahrern sind Sabine und Burkhard mit ihrem lila Steyr sehr bekannt, ihren Offroad – Reiseführer Marokko haben wir auch alle im Gepäck. Wir fahren mal hin um Hallo zu sagen. Der Wind weht uns fast um, als wir mit den Beiden draussen vor der Pistenkuh stehen und uns sehr angenehm unterhalten. Eigentlich wollten wir ja weiter, aber wie das so ist, eine nette Plauderrunde führt zu : „bleibt doch noch“ und schon quartieren wir uns für die Nacht ein.

Den Rest des Tages sitzen wir im Windschatten der Rappelkiste, erzählen Reisegeschichten, sinnieren über Drohnenfotos, Blogschreiben und die Zweischneidigkeit von zu Testzwecken zur Verfügung gestellten Produkten. „Umsonst bekommst du nichts“ sagt Burkhard: “ es ist immer eine Erwartung damit verbunden. Was ist, wenn dir das Produkt nicht gefällt? Wenn du lieber ein anderes möchtest? Da entsteht schnell böses Blut.“ Bis spät in die windige Nacht sitzen wir draussen. Auch am nächsten Tag kommen wir trotz mehrerer Anläufe nicht weiter, ein ständiges hin- und her „Pack mer´s oder bleiben wir?“ führt schlussendlich zu „bleiben.“ Sabine und Burkhard holen ihre Stühle, wir plaudern uns durch den Tag, warm verpackt mit Decken und Wärmflasche gegen den heftigen Wind. Gegen Abend beginnen wir zu träumen: von zwei großen Einkaufswagen, die wir durch die Gänge eines riesigen Supermarktes schieben….durch die Getränkeabteilung, ein Wagen füllt sich mit Weinflaschen und Likör, weiter zu den Süssigkeiten, wir laden Berge von Chips, Schokolade und Gummibären in die Wagen, oh, die Käseabteilung, fast vergessen, wir müssen nochmal zurück….Die Zeit vergeht schnell mit zwei so sympathischen und fröhlichen Leuten wie den Pistenkühen. Der Wind bleibt stürmisch, wir packen nach zwei lustigen Tagen wieder unsere Sachen. War sehr schön mit euch!

Dichte Staubwolken wehen über die Piste zum Lac Maider. Zum erstenmal sehen wir Plastikfelder.

Lange kommt keine Ortschaft, nur sehr viel flache Landschaft und ein paar Berge, dann ein Wegweiser nach Tissemoumine. Super Name! Passt uns gut um Pause zu machen, Kaffee trinken zu gehen und Brot zu kaufen. Einen trostloseren Ort haben wir selten gesehen. Neubauruinen und Staub, halb verfallene Lehmbauten, eine große Moschee. Sofort umringen uns Kinder, schüchtern, neugierig, kichernd. Hier gibt es kein Café, kein Brot. Hier gibt es gar nichts. Wir winken und wenden. Ein kleiner Junge, vielleicht 4 Jahre alt, rennt barfuss über die spitzen Schottersteine hinter uns her.

Viele Palmen, große Ziegen- und Dromedarherden ziehen umher, grüne Felder zwischen den Palmen. Die Piste verschwindet, ist auf den nächsten Kilometern nicht mehr zu erkennen. Aber unsere Fahrtrichtung stimmt, denn weit und riesig taucht in der Ebene der Lac Maider vor uns auf: sonst braun und trocken leuchtet er uns rot entgegen. Übersät mit kleinen roten Pflänzchen bietet er einen atemberaubenden Anblick. Wir rollen über den trockenen Seegrund, die Pflänzchen setzen die Rappelkiste perfekt in Szene. Zeit für eine lange Pause.

Immer noch ohne erkennbare Piste finden wir querfeldein unseren Weg zu kleinen Sandünen, Feierabend für heute. Ein Schwarm Schwalben liefert sich ein rasantes Wettfliegen um unsere Rappelkiste. Wer fliegt am schnellsten, am dichtesten um unser Auto? Hätten wir die Fenster auf, würden sie sicher mitten durchs Fahrerhaus fliegen. Ein großer Haufen Feuerholz wird gesammelt, es ist ganz schön kalt, wir haben dicke Jacken an. Eine Familie kommt vorbei, der kleine Junge ohne Socken in Plastikschlappen. Schüchtern fragen sie nach Zahnpasta und machen ein Foto mit Alfred und ihrem Sohn. Freundliche Leute. Später bringen sie uns noch etwas Holz vorbei. Dem Wind geht die Puste aus und wir sitzen bis Mitternacht unter den unendlich vielen Sternen an unserem Feuer.

Der Tisch wird gedeckt für unser gemeinsames Frühstück. Ein Marokkaner kommt über die Dünen und stellt sich neben den Tisch. Alfred versucht ein Gespräch, aber der Mann möchte nicht sprechen, nur gucken. Er hockt sich hin, schließlich sitzt er. Und schaut zu. Das ist so unangenehm, wie gehen wir damit um, wortlos angestarrt zu werden? Unser gemeinsames Frühstück wird gestrichen, wir räumen alles rein. Der Mann bleibt sitzen und starrt uns weiter an. Und verharrt so, während wir uns fahrbereit machen. Der kleine Junge von gestern kommt mit zwei Fünfliter – Plastikflaschen vorbei, möchte Wasser. Wir füllen die Flaschen und schenken ihm noch zwei Apfelsinen, er spricht kein Französisch, wahrscheinlich geht er nicht zur Schule. Wir sehen viele Kinder arbeiten, meistens Ziegen hüten oder ähnliches. Viele Marokkaner sind arm. Wie lange wird man in Marokko noch Ziegenhirten brauchen, wie sieht die Zukunft für diese Kinder ohne Schulbildung aus?

Unser Beobachter hat nach mehr als einer Stunde genug gesehen und verschwindet. Wir verschwinden auch, finden irgendwann die Piste wieder, die links und rechts flankiert wird von bleigrau – bläulich glänzenden Bergen und Sand. Eingegrabene Autoreifen fungieren als Wegweiser. Beim Camp „Dinosaur Kemkem“ machen wir Kaffeepause, von einer marokkanischen Familie geleitet, macht es einen sehr netten Eindruck. Der Sohn ist der Chef. Wir machen ein Foto vom Camp und schenken ihm den Ausdruck. Leider bemerken wir erst jetzt, daß er sehr schlecht sehen kann. Naja, egal! Die Geste zählt, seine Freude ist groß!

Das Schild – „Militaire, accès interdit!“ – verbietet uns die Weiterfahrt. Theoretisch. Unser Weg führt mitten durch das Militärgelände, mal sehen, was passiert, wir fahren rein. Die Landschaft ist leer, flach, wunderschön, wir finden einen interessant gefalteten Felsen und passieren völlig unbehelligt einen Militärposten.

In Sidi Ali wollen wir Brot kaufen. Kaum in den einsam gelegenen Ort eingefahren, rennen aus allen Ecken die Kinder herbei. Schmutzig, viele mit Ekzemen im Gesicht umringen sie Alfred und Martin, die sich auf die Suche nach einem Bäcker machen. Sylvia und ich hüten die Lkws. Der Lebensmittelhändler hat kein Brot, ein kleiner Junge flitzt los. Martin und Alfred gehen ihm nach in ein Haus. Durch einen dunklen Flur, links liegen Matrazen in einem Raum, geht es um eine Ecke. Es ist finster. Ein ca 16-jähriger sitzt auf einer Treppe, rechts hebt der kleine Junge zwei Brote in die Höhe. In diesem dunklen Haus wird tatsächlich gebacken. Der Preis ist inakzeptabel, der Kleine will handeln, der Große nicht. Dann eben nicht. Wieder raus ins Licht auf die Strasse. Verfolgt von der stetig größer werdenden Kinderschar fahren wir weiter durch das Dorf, drei Kinder hängen hinten an unserer Rappelkiste dran. Wir sehen ein Bäckerschild. Alfred und Martin versuchen ihr Glück erneut, müssen sich den Weg durch die drängelnden Kinder freischieben. Alle schreien durcheinander: “ Dirham, Argent, Stylo, Bonbon!!“ Boxen und schieben sich gegenseitig weg. Einer versucht ein 20 Rialstück in 20 Dirham zu tauschen, nix da! Die Erwachsenen hängen auf Plastikstühlen rum und sehen zu. Völlig absurde Situation. Und das Brot soll noch teurer sein als vorhin. Nichts wie raus hier, lieber kein Brot. An einem großen Touristencamp vorbei ( wer möchte denn hier Urlaub machen? ) führt die Strasse aus dem Ort. Die Kinder rennen noch eine Weile hinter uns her. Sidi Ali, ein Erlebnis ganz besonderer Art.

Einige Kilometer hinter Sidi Ali biegen wir bei einem großen Camp ab. Ein paar ausgebaute Transporter parken zwischen Zelten. Jongleure trainieren mit Keulen. Musikanten. Gauklertreffen. Unsere Fahrt endet in einer Sackgasse vor einer großen Düne, ein schöner Platz unter einem Baum wird unser Nachtlager. Natürlich bleiben wir nicht allein, ein junger Mann mit Moped kommt vorbei und leistet uns für eine Stunde Gesellschaft, dann knattert er davon. Wir sitzen noch bis weit nach Mitternacht draussen zusammen. Dieser Sternenhimmel, wir können uns nicht sattsehen.

Der Morgen beginnt mit einem ausgedehnten Spaziergang über die große Düne.

Oh, ein „Käferstündchen“, da wollen wir nicht stören…..

Nicht weit entfernt steht ein weiteres, leeres Zeltlager. Überall sind Quadspuren auf den Dünen, wir haben Glück, manchmal muß hier die Hölle los sein.

Früher Nachmittag, es geht weiter. Wir brauchen Feuerholz, bei jedem vertrocknet wirkenden Baum unterbrechen wir unsere Fahrt und schauen, ob wir ihn fällen können. In den meisten steckt noch erstaunlich viel Saft. Fast keine Ausbeute. Im Süden gemusterte Berge, wie bemalt. Kilometerweit schwanken wir über Riesenwellblech. Eine Achterbahnfahrt, rauf und runter auf sandiger Piste, wir schunkeln. Anschließend durch ein Tiefsandfeld, wir schlingern voran, sehen kleine Sandberge und jede Menge wirklich trockenes Feuerholz. Kurz entschlossen biegen wir ab, kuscheln uns in die Dünen, zünden einen Riesenberg Holz an, Schluss für heute. Ich weiß, immer dasselbe Programm, Lagerfeuer und Sterne, aber es ist so sagenhaft, einfach niemals langweilig.

Ramlia, am nächsten Tag. Links und rechts Palmen, wir biegen auf die Hauptstrasse, schon laufen die Kinder zusammen. Alle paar Meter stehen neue Strassenlaternen, mit Solar betrieben und mit Warnstreifen bemalt. Das ist so aberwitzig, Ramlia ist ein winziges Nest, die moderne Strassenbeleuchtung wirkt völlig übertrieben. War vielleicht der König neulich mal hier?

Brot kaufen ist wieder Thema. Wir haben ja immer noch keins. Mit 20 Kindern im Schlepptau ziehen wir los. Alle in die winzige Backstube. Drinnen nur Frauen, vielleicht eine Back – Kooperative, das gefällt uns. Die Kinder werden rausgescheucht, hängen jetzt außen am Fenster um nichts zu verpassen.

Die zwei Bäckerinnen haben fünf große Fladenbrote – „Die nehmen wir. Und noch von den Keksen“  – eine andere Frau füllt sie ab. „Und Eier auch“ – alle reden durcheinander, wir verlieren etwas den Überblick. „Noch mehr Kekse?“ Eine vierte zeigt uns Kuchen, die Eier werden in einen Teekessel getan, „halbes Kilo Kekse oder Kilo?“ – „Äh, Moment, halt! Die Eier nicht kochen, bitte!“ Eine Gruppe von fünf Leuten kommt rein, es ist eng, die Kinder probierens auch nochmal. Wir bekommen Tüten rübergereicht. “ 200,-“ sagt die Bäckerin, wir kramen unser Geld raus, nehmen unsere vielen Tüten und alle verabschieden uns sehr, sehr herzlich. Draußen die ganze Kinderschar um uns rum: „Bisquit, donne moi!“ schreien sie, fordern Kekse von uns. Ein Kleiner schiebt seine Hand in meine Einkaufstasche! Sein Kumpel reißt ihn zurück. So – das war´s, Kekse für niemanden. Die Einkäufe werden im Steyr verstaut, wir wollen im Café was trinken. Alle hinterher, ein Junge klammert sich an meinen Arm, will nicht loslassen, Martin muß erst laut werden. Der Wirt sorgt für etwas Abstand. Neben Essen und Getränken wird im Café auch Benzin in alten Plastikwasserflaschen verkauft. Ein paar Motorradfahrer tanken so auf. Zurück zur Rappelkiste, wir fahren weiter, hinter uns her rennt die Kindermeute. Im Schatten sehen wir, daß sechs Kinder hinten am Lkw hängen, verdammt nochmal, das ist so gefährlich! Wir stoppen, ich reiße die Tür auf und schreie „HAUT AB!“ Wie die Wiesel, blitzschnell lassen sich die Kinder vom Wagen fallen und flitzen davon.

Anstrengend! Aber wir haben Brot! So schnell es geht rumpeln wir über die Piste, nur weg von Ramlia! Unterwegs kommt mir so ein Gedanke….200,- für Brot, Kekse und Eier? 20,- € ? Das ist ziemlich viel Geld…. wir sind auf den alten Rial-Trick reingefallen!! Die Bäckerfrauen habens faustdick hinter den Ohren! Hätten wir ihnen 100,- Dirham gegeben, wärs auch in Ordnung gewesen! Zum Glück können wir drüber lachen und verbuchen es als gute Tat, ein guter Tag für die Bäckerinnen. Und jetzt: nichts wie weg von Ramlia!

Bis bald, liebe Grüße

Martin & Julia

Drink positive!

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