Durch Chuzestan in den Irak. Ein unvergessliches Grenzerlebnis 22.11.2022 – 23.11.2022

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Auf Wiedersehen Esfahan! Hoffentlich können wir irgendwann in ruhigeren Zeiten wiederkommen.

Rappelkiste steuert durch den Morgenverkehr

Die Stadt erwacht. Statt Hupe geben die Busse einen lustigen Pfeifton von sich, Schulkinder spielen sich warm, Geschäfte werden beliefert.

Breite Autobahnen bringen uns aus der Stadt. Fußgänger überqueren die Fahrbahn – obendrüber wäre ein Übergang…..

Nach Westen

Kleine Dörfer, weite Felder und herrliche Berge mit Wintermützen.

Viele Lkws fahren mit spiegelglatten Reifen

Vor jedem Geschäft Nüssse und Honig. Wir halten Ausschau nach einer Bäckerei.

Im nächsten Ort halten wir. Es ist fast unmöglich Bäckereien zu erkennen, wenn nicht gerade Käuferschlangen davor stehen. Hinter unscheinbaren Türen bleiben sie für Ortsunkundige verborgen. Da hilft nur: durchfragen. Ein freundlicher Mann führt uns durchs Dorf zu einem Wohnhaus, unten eine große Alutür. Voilá: der Bäcker!

Großes Staunen, als wir eintreten. Direkt vor uns dreht sich der Teigrührer. Ein kleines Kohlefeuer wärmt die Rührschüssel. Wir bestellen 2 Brote. Als wir zahlen möchten, lacht der Bäcker fröhlich und winkt ab. Nein, nein, er möchte kein Geld.

Zaid heißt unser Begleiter. Er lädt uns zum Tee ein. Wie oft haben wir gelesen, daß wir keine Einladungen annehmen dürfen, weil wir damit die Sicherheit unserer Gastgeber gefährden. Erklärt das mal so freudig aufgeregten Menschen wie Zaid! Also gehen wir mit zu seinem Haus.

 

Seine Frau Madmattah ist überrascht und setzt sofort den Teekessel auf. Ob wir frühstücken möchten? Nein, nein, nur Tee. Wir sitzen auf dem Boden an die Wand gelehnt, ein großer Fernseher zeigt einen Werbefilm über Bomben und Drohnen. Wirklich, das ist nicht erfunden!

Zaid zieht den Stecker. Die Unterhaltung ist etwas mühsam, weil keiner der beiden englisch spricht. Stolz rollt er Teppiche aus, die seine Frau knüpft. Zeigt uns Fotos vom kleinen Sohn und ein Bild mit Trauerflor von einem jungen Mann, sein Bruder? „Corona, no Doktor“ sagt er und spricht ein Gebet. Madmattah knackt Walnüsse für alle. Der Tee schmeckt hervorragend. Nach einer halben Stunde verabschieden wir uns. Zaid möchte uns noch zum fischen mit hinaus auf den See nehmen, aber wir lehnen dankend ab. Die beiden sind sehr sympathisch. Ich bekomme eins der kleinen Webtäschchen geschenkt.

Auf den Fotos gucken sie so ernst, sie waren aber sehr fröhlich und freundlich. Eine schöne Begegnung.

 

Weiter, weiter. In Gwshky wechseln wir die Richtung: von Westen nach Nordosten durch die Provinz Chuzestan.

Die Strecke führt durch Schluchten und dunkle Tunnel.

Keine Minarette, kein Muezzin. Unter den wehenden schwarzen Tüchern der Frauen blitzt Glitzerstoff und bunte Farben. Alu Gegend, vor jedem Geschäft stapeln sich Alutöpfe. Dörfer, die man nicht schön nennen kann.

Aber schön sind die Dorfnamen: Shhrwyh, Krtgl Sfly, Tng kKwrh, Khnk Drh Shwr oder Shhrk Mshk Dwzan – wie spricht man das aus?

Gewaltige Berge, zum Glück gibt es diese eine gut ausgebaute Strasse. Sonst würden wir ewig über Serpentinen hinauf und hinabgurkeln.

Eine superschöne Strecke. Ach, Iran hat so viel zu bieten….schade.

Rotgoldene Felsen wechseln mit geriffelten Grünflächen

Die Gegend ist dünn besiedelt, vereinzelt queren wir einsame Dörfer

Gefaltete Berge – wie schön wäre es, Pisten zu finden und auf ihnen durch diese Bergwelt zu rumpeln. Eines Tages, in ruhigeren Zeiten…

„Kommem wir auch durch Haftgel?“ fragt Martin. Wieder ein sehr schöner Ortsname, aber Haftgel streifen wir nur.

Petrolgrün schimmert der Karun. Aufpassen, daß nachher kein Wasserwerk auf den Fotos ist. Ob das übertrieben ist? Lieber auf Nummer sicher….

Es geht den Pass hinauf. Schafherden verengen die Fahrbahn.

Die abenteuerliche Fahrweise der Iraner verlangt Konzentration. Lkws überholen in der Kurve

Mächtig was los auf der Passstrasse, Menschen, Tiere, Lkws, es wird auf Teufel komm raus überholt

schnell noch vor der Serpentine vorbeiziehen….ach, das schafft der Laster auch noch….

Oben angekommen kurz durchatmen und sofort wieder runter

Durch die Metzgerstrasse. Einige haben Originale vorm Laden hängen, in Folie eingewickelt oder im Kühlglashaus. Andere hängen bedruckte Stoffkadaver aus – gefällt uns persönlich besser

Mit Gegenverkehr ist jederzeit zu rechnen

Eigentlich haben wir zwei Tage für die Strecke geplant, mit einer Übernachtung versteckt in der Natur. Nicht einfach in dieser Bergwelt.

Später Nachmittag, ein, zwei Pisten führen zwischen die Felsen…

Aber wir können uns nicht entschließen und sausen dran vorbei. In der Ebene, bei Ahvaz, ca 130 Kilometer vor der Grenze, werden wir dann was finden. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen sind wir dort.

Das können wir getrost vergessen. Schwerindustrie, Ölgegend. Es riecht streng nach Diesel, Staub vernebelt die Sicht, die Atemluft wird schwer. Ich kann kein Foto machen, weil unter Garantie Industrieanlagen mit drauf wären. Überall wird Gas abgefackelt. Weltuntergangsstimmung.

Wir ziehen durch, nix wie weg hier. Der dunkel verfärbte Sonnenball ist längst versunken – wir fahren immer noch. Jetzt wird´s anstrengend. 20 Kilometer weiter wird die Atemluft besser, der Dieselgestank ist weg. Am Karun Fluss halten wir im Halbdunkel vergeblich Ausschau nach einem Platz. Die Pisten zum Ufer sind matschig, keine Lust auf Abenteuer und steckenbleiben. Auf der nächsten Großtankstelle stellen wir die Rappelkiste auf den Parkplatz. Über 500 Kilometer gefahren, müde. Feierabend.

 

 

Früh unterwegs am nächsten Morgen. Die letzten 100 Kilometer bis zur Grenze fliegen schnell an uns vorüber. Salzland, sumpfig und schwefelig müffelnd.

 

Ausreise Iran

Spannend: unsere Freunde haben durchweg 11bis 12 Stunden für die Grenze gebraucht, wir sind extra früh dort. Könnte ein langer Tag werden.

Auf dem Parkstreifen warten bereits ein Steyr aus Austria und ein MAN aus der Schweiz. Zuerst müssen die Fahrzeuge aus den Carnets ausgestempelt werden. Am Schalter lernen wir alle kennen: die Schweizer Marietta und Martin, Elke und Bernhard mit dem Steyr und Andreas aus Erfurt, mit Pkw unterwegs zur Fußball WM in Qatar. Sie warten schon seit einer halben Stunde.

Dann warten wir mal mit…….

Noch ne halbe Stunde, dann winkt uns eine nette Dame der Reihe nach heran. Papiere ausfüllen, kurze Fahrzeugkontrolle, Carnet ausstempeln.  „Have a nice trip!“ Sehr nett. Wir sollen zu Gate 3. Okay. Gate 3 führt auf den riesigen Zollhof. Aber wo ist denn Passkontrolle und Visum ausstempeln? Ganz woanders! Rappelkiste darf den Hof nicht mehr verlassen, wir laufen los. Eine große Halle voller Leute, ein freundlicher Mann nimmt uns mit. Klopft an einer Bürotür, ein anderer übernimmt, dann Stempel und „Have a nice day!“ Auf Wiedersehen Iran!

 

Wieder zurück zu Gate 3. Und nun wohin? Schilder gibt es nicht. Zum Glück haben wir einen Plan von Claudio bekommen, der die Tour vor uns gemacht hat. Quer über den Zollhof. Vor einem Zaun ganz hinten in der Ecke parken wir, klopfen an eine unscheinbare Tür und stehen in der irakischen Zollbaracke. Ein Offizier nimmt sich unser an, führt uns durch mehrere Räume. Kaum tritt er ein, springen alle auf und salutieren.

Zuerst Iraq Visum.

Auf einem Zettel sollen wir unsere Daten notieren, Namen, Geburtstag etc. Der junge Beamte schüttelt den Kopf, als er meinen Namen sieht: „Oh no….“seufzt er. Ich habe 3 Vornamen plus Nachname plus Geburtsname, die er jetzt in lateinischer Schrift eintragen soll. „Dschulia, Dschulia….“murmelt er vor sich hin, Schwerstarbeit….seufz….aber sehr nett. Müsste ich meinen Namen in arabisch malen, würde ich auch seufzen….

Zweimal 75,-US Dollar Gebühr plus 2$ Bearbeitung. Als Martin die Dollars rauskramt, strahlt der Beamte: „Money!“

Andreas hat keine Dollar, wir anderen helfen aus. Visum erledigt, jetzt Fahrzeuge. Ein Soldat – „Hello, my friend!“ – weist uns den staubigen Weg durch ein Barackenlabyrinth zum nächsten Office. Müll überall. Ein reichlich betagter Baucontainer, darin 2 Schreibtische und Mr Ahmed.

Bis hierher haben wir ungefähr 2 Stunden gebraucht.

Eintrag in ein großes Buch, dann Mittagspause. „Sit down, wait.“

Wir warten…..lange……sehr lange……………………………….

dann geht´s weiter. Wir bekommen Zettel, mit denen wir zum Pixregister sollen. Ich in der schwarzgekleideten Frauenreihe. Einmal in die Kamera schauen, wieder zurück zu Mr Ahmed. Warten……………………

Papier wird beschriftet, oh, verschrieben, Mist, Mr Ahmed schimpft – nochmal von vorn……

Mit neuen Zetteln wieder los, um weitere Zettel und Stempel einzuholen –> zurück……..Und so geht es den ganzen Tag. Zettel –> loslaufen –> Baracke suchen –> warten…………..

Stempel –> neue Zettel –> zurück zu Mr Ahmed – in welchem Barackengang war der nochmal? Sieht alles gleich aus….durchfragen –> finden –> Zettel abgeben –> warten…………….

Neue Zettel bekommen –> wieder los….wohin? Äääh….suchen, durchfragen –> man hält uns auf Trab.

Teepause. Damit wir es gemütlich haben, werden wir in den Hinterraum der Bauhütte gebeten. Dort sitzen wir zwischen ungemachten Betten und offenen Schränken. Warten……………………………….

4 Stunden laufen und warten wir bereits. Bernhard fragt, ob man irgendwo Essen kaufen kann. „No….“ Kopfschütteln. Der Grenzer öffnet den Kühlschrank und verteilt Eiscreme, Eistee und Sonnenblumenkerne an uns. Oh, vielen Dank!

Nach der Teepause werden 50,-$ Sondergebühr pro Fahrzeug erhoben für……..???????

Nichts. Diskussion vergeblich. „You can go back to Iran any time you like“ lächelt Mr Ahmed und weist zur Tür. Da sitzt jemand eindeutig am längeren Hebel.

Der Tag vergeht. Weitere 3 Stunden später ist es so weit: wir dürfen zurück zu den Fahrzeugen! Mit unseren Zettelstapeln.

Am Grenzzaun noch ein wenig Chaos. Diskussion. Irgendwas fehlt noch oder so.

Dann öffnet sich das Gitter: „Welcome to Irak!“

Grenze geschafft in Rekordzeit von nur 7 Stunden!

Wie wir uns alle freuen!

Trotz aller Umstände war es ein lustiger Tag mit viel Spaß und Gelächter. Die Zeit verging schnell. Diesen Grenzmarathon haben wir mit viel Humor gut überstanden! Danke euch!

Kurz hinter der Grenze trennen sich unsere Wege. Andreas fährt los, will noch metern. Alle anderen, wir inklusive, wollen einen Platz bei Basra am Schatt-al-Arab Fluss finden, nicht mehr weit. Rappelkiste fährt voraus.

Wir sind im Irak!! Krass!!

Liebe Grüße! Bis bald!

Julia & Martin

Drink positive!

Auf Instagram: Rappelkisteberlin

 

 

 

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