Ein Haus am Meer – in Elea

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60 Kilometer sind es von Kalamata nach Elea. Die Strecke ist langweilig, vertrocknete Felder links und rechts, mal ein verschilfter und vermüllter kleiner Fluss. In den Bergen, bei Kopanaki, wechselt das schöne Wetter auf Nebel und Niesel, aber am Meer angekommen scheint wieder die Sonne. Auf der Thymianwiese, wo wir letztes Mal standen, parkt niemand. Ein paar junge Pakistani spielen dort Cricket. Wo sind denn alle? Wir fahren langsam weiter, erst am nördlichen Ende finden wir sie: den weißen Wombat von Kerstin & Achim, Siegfried aus Berlin und noch vier andere Wagen stehen im Pulk auf der Wiese bei der Wasserstelle.
Nach der herzlichen Begrüßung fragen wir verwundert: „Warum steht ihr hier alle so dicht zusammen, es ist doch soo viel Platz?“ „In der letzten Zeit wurde öfters eingebrochen, deshalb stehen jetzt alle dichter beeinander“, erklärt man uns. Wie traurig!
Unsere Rappeline stellen wir mit Meerblick direkt hinter die Düne zwischen Wombat und Siegfried.

Vier Wochen absolute Ruhe für das Handgelenk lautet die Anweisung vom Arzt, wir werden hier so lange stehen bleiben.
An den Gedanken müssen wir uns erstmal gewöhnen. VIER Wochen?!!

Alltag……das Wetter sorgt für Abwechslung: mal wird der Himmel bedrohlich grau…..

dann kommt wieder Sonnenschein und wir haben sommerliche Temperaturen…..

mal wandern wir am Strand entlang……

mal durch blühende Olivenhaine…….

Martin schont und kühlt sein Handgelenk…..

hin und wieder gönnen wir uns ein griechisches Gedeck in der Taverne oben im Ort…..

 

Abends gibt es Sonnenuntergangskino in immer neuen Variationen:

Mehrfach spazieren wir zum Boot, daß ein Sturm Ende Dezember aufs Land geworfen hat. Unglaublich, wie tief es eingesunken ist! Bis oben hin voll mit Steinen und Sand rostet es vor sich hin.

Falls es mal stürmisch ist, sitzen wir drinnen am Fenster und sehen die Wolken und die wilden Wellen mit ihren Gischtfahnen. Wir stehen hier so schön! Kaum zu glauben, wie schnell die erste Woche rum ist!
Mehr und mehr Wohnwagen aller Art kommen an, irgendwann stehen wir hier zu 16. Leichtes Campingplatzfeeling kommt auf. Die jüngeren Leuts brauchen lautere Musik, es wird partymässiger, stört aber nicht.

Kerstin organisiert eine Wanderung zu den Neda Wasserfällen. Morgens um 10 Uhr klettern 6 Wanderer in den Wombat und Achim kutschiert uns eine Stunde lang durch kleine Dörfer in die Berge. Die Aussicht von hier oben auf die Küste ist fantastisch. Hier möchte man im Sommer gerne mal in einer der Tavernen essen gehen. Am Wanderparkplatz erwartet uns Alex, der mit dem eigenen Wagen gekommen ist. Die Rucksäcke gepackt ziehen wir los. Zuerst geht es durch grüne Pflanzentore und -Tunnel, der Weg ist feucht und rutschig. Unterwegs finden wir Orchideen und einen trockenen Brunnen, es ist ein schöner, aber wenig spektakulärer Wanderweg stetig bergab, kaum mal eine ebene Passage. Nach ungefähr einer Stunde hören wir das Rauschen der Neda, die Schlucht ist nicht mehr weit. Über unregelmäßige Treppenstufen klettern wir weiter hinunter. Rechts von uns erhebt sich die Felswand, wir schlittern über nasse, glatte Steine. Für Martin ist die Wanderung hier vorerst zuende. Das ist zu unsicher mit nur einer Hand, man muß sich teilweise gut festhalten können. Er geht zurück zum Wombat, den Achim inzwischen auf dem unteren Wanderparkplatz abgestellt hat. Gute Entscheidung, denn der glitschige Pfad wird noch schmaler, stellenweise keine 40 cm mehr breit. Auf der einen Seite der Fels, auf der anderen fällt dicht neben meinen Füßen die Schlucht 100 Meter hinab in die Tiefe, gruselig.

Den ersten Wasserfall erreiche ich nach 15 Minuten, wunderschön! Alex, der Norweger, springt gleich mal in den kalten Pool, brrrrrr, das ist mir ganz sicher zu eisig!! Der zweite, größere Wasserfall rauscht etwas oberhalb, wir klettern rauf. An Ästen festhaltend hangele ich über die schlüpfrigen Felsen bis zu einer Bank. Wirklich wunderschön….mich fasziniert der Gedanke, daß dieses Wasser läuft und läuft und läuft, wo kommt das viele Wasser her? Eine ganze Weile bleiben wir alle hier sitzen, lauschen dem Rauschen und sehen dem Wasser beim sprudeln zu.

Zurück beim Wombat treffe ich Martin wieder, wir beschließen, den Weg zurück zu laufen, den Achim gefahren ist. Kann ja nicht so weit sein. Welch eine Fehleinschätzung. Es geht aufwärts, nonstop. Auf einer Strecke von 3,4 Kilometern stapfen wir von 200 Höhenmetern auf 600 Meter Höhe rauf, Leute, das ist unglaublich anstrengend!!! Achim und Tobias ziehen im Wombat an uns vorbei, warum sind wir nicht mitgefahren?! Mein Herz schlägt im Rekordtempo im Hals, Martins linke Hand pocht. Unser Trinkwasser wird schneller ausgeschwitzt, als wir es nachschütten können. Kurz stehenbleiben macht alles eigentlich nur noch schlimmer, also weiter, weiter, Schritt für Schritt bergauf. Irgendwann erreichen wir den oberen Parkplatz, fallen völlig erschöpft auf die Sitze vom Wombat und Achim kutschiert uns wieder nach Hause. Vollkommen fertig, aber ein toller Tag! Wir ahnen schon den Muskelkater, der uns morgen quälen wird.

 

Sonntags fahren wir nach Kopanaki zum Markt, ich sitze am Steuer, ich muß mehr Fahrpraxis bekommen. Nach dem Einkauf gehen wir essen, die allgegenwärtigen gerösteten Spanferkel ignorieren wir geflissentlich und bestellen griechischen Salat, Saganaki, frittierte Kartoffeln und Zaziki. Köstlich!

 

Auf der Wiese hinter der Düne wird es wieder leerer, viele Leute sind abgereist.

Corona bricht aus. Italien riegelt ganze Dörfer ab, alle bereiten sich auf eine Epidemie vor. Hier in Elea merkt man davon nichts. Alles sehr entspannt und scheinbar unendlich weit weg von uns. Wenn wir von Hamsterkäufen in Deutschland lesen, schütteln wir verwundert den Kopf. Eine Freundin schreibt, daß sogar Hundefutter ausverkauft ist. Wir fühlen uns wie auf einer Insel, weit entfernt von allem.

Am Strand schippt jemand wie ein Besessener Sand weg. Wer ist das und warum macht der das? Martin geht mal gucken. Es ist Willi, der eine Riesenstrandburg für seine Geburtstagsparty gräbt. Wahnsinn, wieviele Tonnen Sand er schon bewegt hat! In die Mitte kommt eine Vertiefung für das Lagerfeuer und drumherum können dann alle warm und windgeschützt sitzen. Zwei Tage gräbt er, unterstützt von Patrick und es wird richtig toll. Wir sitzen schon mal Probe.

 

Willi`s Party Abend, sein 28.ter Geburtstag: mit seinem Freund Louis hat er etliche Kilo Fleisch in Souvlaki verwandelt, für uns gibt es leckere Gemüsepieße. Unmassen von Bier sind in einer großen Wanne kalt gestellt, Decken ausgebreitet, Musik läuft. Wir sitzen in der Sandburg, draußen weht eine steife Brise, aber davon bekommen wir nichts mit, wir feiern! Es wird sehr viel lustiger Unsinn geredet, gelacht, gegessen, getrunken und getanzt, der Halbmond und das Feuer leuchten um die Wette….. ´ne klasse Party!

Später sieht alles etwas verschwommen aus…..ungefähr so:

Wir holen uns alle eine leichte Rauchvergiftung, denn das Feuer zieht nicht so gut ab und räuchert uns gewaltig – und anders kann ich mir den Brummschädel am nächsten Morgen auch nicht erklären. Super Party, Danke Willi!!!
Zwei Wochen in Elea vergehen wie im Flug. Schon ist aus Februar der Monat März geworden. Der Frühling ist längst angekommen, überall blüht es weiß, leuchtend gelb und violett. Knallrote Küchenschellen schießen wie Feuerwerk aus dem Boden.

Die Zeit rast dahin, die vier Wochen sind in Null komma nix vorbei. Der Termin für das nächste, entscheidende MRT in Kalamata ist gemacht. Am letzten, wunderschönen Abend am Strand bekommen wir noch einen sehr speziellen Sonnenuntergang geschenkt

Wir packen zusammen und fahren durch den dunklen Pinienwald zur Taverne in Agiannaki um mit unseren Strandfreunden Abschied zu feiern. Ein perfekter Abend, danke euch allen, ihr wart supertolle Nachbarn!

 

Vier Wochen Elea – erst konnten wir uns das gar nicht vorstellen….jetzt fällt uns der Abschied schwer.

Kein Wunder: ein Haus am Meer, sehr lustige, liebe Leute um uns rum….all das müssen wir loslassen. Immer wieder loslassen….das tut jedesmal ein bißchen weh…..

Bis bald, liebe Grüße!

Julia & Martin

Drink positive!

Nachtrag:

Corona hat den Peloponnes erreicht, jetzt betrifft es auch uns. Wir müssen nicht mehr überlegen, ob wir noch die Fähre nach Italien nehmen sollen oder besser auf dem Landweg nach Hause fahren. Alle Grenzen sind geschlossen und damit ist uns der Rückweg derzeit versperrt. Ein unbekanntes Gefühl. Wie im goldenen Käfig.

 

 

2 Antworten

  1. Nikolaus

    Hallo Julia und Martin,
    mit einem ganz kleinen Neidschub grüße ich euch aus der noch relativ ruhigen
    Oranienstraße, machts gut, Nikolaus

    • rappelkiste

      Hallo Nikolaus,
      freuen uns sehr von Dir zu hören. Wir sitzen noch bis auf Weiteres in Griechenland fest und genießen das außerordentlich. Zuhause solls ja auch gerade sehr angenehm sein, hören wir, „fast wie früher…“ Bleib weiter gesund und munter; Pferdchen hätten wir gerne jede Menge verschenkt, sehr viele sehr nette Menschen aus ganz Europa getroffen. Das nächste Mal müssen wir unbedingt wieder welche mitnehmen, also: ran an die Produktion!!
      Bis bald, liebe Grüße Julia & Martin

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