Georgien: Auf Achse – Ausfahrt aus der Hölle 11.05.2022

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Vom Morgenspaziergang mit Asma bringt Gaby Fotos von blühenden Primelwiesen mit. „Wo ist das?“ „Nur den Weg durch den Wald, dann findest du sie.“ Ich wandere los. Ein Kuckuck ruft. Im Schatten liegt noch etwas Schnee.

Ich finde einige sehr interessante Pflanzen, aber keine einzige Primel!

Okay, ewig mag ich auch nicht danach suchen. Alle treffen sich zum Morgenkaffee, die Rappelkiste parkt ziemlich versteckt.

 

Kurze Fettkappenkontrolle: etwas Fett ist zwar rausgequollen, aber die Fettkappe sitzt bombensicher. Der Deckel hält! Und das nach der Ruckel Rumpel Holperfahrt gestern. Prima!

Geht´s los? Ja! Die Steyr stehen bereit…

Die Piste ist breit, fest und trocken. Heute wollen wir nicht lang fahren, nur ins Tal, in wärmere Gefilde, die Nacht war eiskalt. In 8 Kilometern Entfernung ist am Fluss ein Picknickplatz gekennzeichnet, dort wollen wir hin. Höchstens eine Stunde Fahrt, wenn wir das gleiche Tempo erreichen, wie in den letzten Tagen.

Nur fünf Minuten später, hinter einer Kurve:

Absturz in den Bach!

Mit einem Zahn krallt der Bagger sich im Asphalt fest. Kann der sich nicht mit Hilfe der Schaufel rausziehen? Oder vielleicht ist der überhaupt nicht abgestürzt sondern „parkt“ da? Sonst wär ja nirgends Platz….das wär ja stark!

Ein paar Meter gefahren, Kurt stoppt. Achtung! Gegenverkehr!

Die Kühe bimmeln vorbei. Kurt fährt nicht weiter. Im Gegenteil, der Große Gelbe setzt zurück.

Ah, ein großer Zementlaster kommt von der Seite, holt Schwung  und versucht, mit Volldampf auf die Piste zu brettern. Kurz vorher rutschen die Reifen durch den Matsch, drehen durch, der Laster rollt zurück. Drei Versuche, keine Chance. Der Bauleiter schimpft laut, aber das wird wohl auch nicht helfen. Man winkt uns weiter.

Im Schneckentempo kommt uns eine Walze entgegen, die wird den Boden jetzt verdichten, dann klappt´s auch mit dem Laster.

Wasserfälle rauschen aus dem Wald über die Strecke, es wird wieder matschiger. Wir machen Ausweichmanöver für die Baulaster, rechts ran auf die aufgeweichten, unbefestigten Seitenstreifen, manchmal ganz schön knapp am Abgrund.

Jede Baustelle, die wir passieren ist unter chinesischer Aufsicht. Die Bauleiter sind gut zu erkennen: sie tragen als einzige Warnweste, Helm und Maske.

Grün leuchtende Wiesen und blühende Bäume, wir sind im Frühling angekommen. Heute läuft´s schön entspannt, easy going…..

„Halt! Wir müssen links!“ rufe ich. Als ob man mich im gelben Steyr hören könnte…. Mathias hätte fast den Abzweig verpasst. Er setzt zurück, biegt ab und stoppt wieder. Ich steige aus, kurze Lagebesprechung mit Maren. Die Piste ginge auch geradeaus weiter. Das haben Maren und ich aber nicht auf der Karte. Wir müssen links, oder? „Sieht allerdings nicht gut aus, die Piste…“ sage ich skeptisch. Egal, so steht´s in unseren Karten, so fahren wir jetzt auch.

Scheint okay zu sein, nicht zu weich. Vor uns ein Hügel, Kurt nimmt Schwung, donnert hinauf und zieht gleich durch um die nächste Kurve. Die Rappelkiste als nächste: mit Schwung ziehen wir bergauf, in der Fahrspur von Kurt. Bis plötzlich…..nichts mehr geht! In sekundenschnelle sind wir eingesunken. Zack – drin! Verdammt!

Als wir aussteigen sehen wir das ganze Ausmaß der Katastrophe!!!

Bis zur Achse drin, die Piste ist komplett eingebrochen.

So schlimm hat´s uns noch nie erwischt. „Sieht aus, als steigen wir direkt auf aus der Hölle“ „Eher das Gegenteil, wir sinken in die Hölle….“

Da gibt´s nicht viel anderes zu tun als schippen, Bleche drunter, rausziehen. Wir beraten mit Gaby und Andrea.

Alle holen Schaufeln, los geht´s. Knochenarbeit, der Boden ist schwer wie nasser Zement. Dicke Steine sitzen fest im zähen Morast. Martin baut den Spaten um zur Hacke. Nach jeder Schaufel, die wir raushieven, sinkt der Boden einfach wieder nach, Sysiphosarbeit.

Maren und Mathias kommen zurück. „Ach du meine Güte! Sieht aus wie auf ´ner Raketenabschußrampe!“ Sie stürzen sich sofort in die Arbeit.

Wir kommen nicht unter die Achse.

„Mit den Hebekissen versuchen?“ schlägt Mathias vor. Wir probierens. Zum Glück bekommen wir noch die Türen vom Heckkoffer auf um Sachen rauszuholen. Eigentlich sogar recht bequem…

 

Wir bekommen die Kissen gar nicht erst an die richtige Stelle, das hilft nichts.

Unsere letzte Chance: die Seilwinde von Gangolok. Wir entscheiden uns für rückwärts rausziehen, vorwärts reißen wir uns die Anbauten ab, befürchten wir. Mathias befestigt das Seil. Die Reifen von Gangolok werden verkeilt.

Rückwärtsgang und alle Sperren rein, Andrea spannt das Seil. Es knackt und knistert. Besser man hält gehörigen Abstand. Wenn das reißt, könnte es jemandem den Kopf abschlagen.

Martin gibt Gas, die Seilwinde zieht, die Rappelkiste bewegt sich langsam zurück. Als die Vorderreifen in die Grube sinken, kippt der Laster bedrohlich auf die Seite. Mein Schreckmoment!! „Der KIPPT!!“ rufe ich laut! „Der kippt nicht so schnell“ beruhigt mich Maren ganz gelassen.

Kontinuierlich weiter, langsam, ganz langsam stellt sich die Rappelkiste wieder aufrecht. Die Reifen drehen durch, das Profil ist mit Schlamm verklebt, Slicks. Und dann haben die Reifen plötzlich Grip! Das Seil wird schlaff, Rappelkiste fährt den letzten halben Meter selbständig aus der Grube, HURRA!!

Großer Jubel von allen, wir haben`s geschafft!

 

Alle sind dreckig von oben bis unten. Ich hab Matsch in den Schuhen und Schwielen an den Händen, Gaby hat eine kleine Platzwunde an der Stirn, aber alle sind so glücklich!

„Wir sagen nie wieder etwas gegen Seilwinden!“ versprechen wir hoch und heilig. Wir fanden das immer unnötig, die sind schwer und man braucht sie nur, um andere Leute rauszuziehen….GENAU!! Danke an jeden, der eins dieser schweren Dinger einbaut!

1000mal Danke an unsere tapferen Reisebegleiter! Weder Mensch noch Material wurde geschont! Danke Gaby, Andrea, Maren und Mathias. Ohne euch wäre es noch nicht mal halb so schön!!

Wir räumen auf. Bleche wieder dran, alles einpacken. Gangolok hat es trotz der Keile um einen Meter nach vorn gezogen.

Dann wird gewendet, wir werden die zuvor verschmähte Strecke geradeaus probieren. Kurt saust den Hügel runter, sinkt hinten links ein, NEIN!!! Schafft es mit Vollgas durch, Glück gehabt!

Nach nicht mal 200 Metern trifft der Weg auf die Hügelpiste, auf der wir eingesunken sind.

Das Desaster hätten wir uns erspart, wenn wir gleich geradeaus gefahren wären. Hätte, hätte, egal, so war´s ein tolles Abenteuer!

Stetig bergab, die Piste breit und komfortabel, reger Baustellenverkehr. In ein paar Jahren ist die abenteuerliche Goderzi Pass Strecke asphaltiert und entschärft.

Noch drei Serpentinen hinunter, dann müssten wir den Picknickplatz sehen.

Das ist der Picknickplatz. Klein, voller Bauschutt und wenig anziehend.

Nee, wir fahren weiter, da findet sich was besseres.

Aus der Piste wird bald eine schlammverkrustete Strasse, wir sausen durch das blühende Tal. Neben uns rauscht der Dzindze talabwärts, ein Platz am Fluss wäre schön…

Wir flitzen um die Kurve und sehen links die beiden Steyr auf einem großen Schotterplatz stehen. Das sieht doch schon mal gut aus. Weiter hinten wird es noch besser! Direkt am Ufer des wilden Kvabliani können wir parken, perfekt!

 

10 Kilometer sind wir heute gefahren, wegen unseres kleinen Handicaps haben wir 3 Stunden gebraucht.

Beim georgischen Tsinandali Weißwein trifft sich die Runde, wir schwärmen gemeinsam von unseren wunderbaren Erlebnissen während der letzten Tage. Der Goderzi Pass hatte einige Tricks auf Lager….

Und natürlich reden wir viel über das Abenteuer heute mittag, man, haben wir da drin gesessen!!! Und geschuftet!!!

Was für eine abenteuerliche, schöne Zeit! In allerbester Gesellschaft! Glücklich!

Ein paar Tage wollen wir ausruhen. Und dann sehen wir weiter….

Bis bald, liebe Grüße!

Martin & Julia

Drink positive!

Auf Instagram: Rappelkisteberlin

 

 

 

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