Georgien – Paravani See und Algeti Nationalpark 18.05.2022 – 19.05.2022

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Auf 2000 Metern Höhe ist es nachts noch knackig kalt. Die Heizung im Shelter läuft die ganze Nacht.

Ein goldener Streifen am Horizont kündigt die Sonne an, doch noch ist sie hinter den Bergen verborgen.

Eine halbe Stunde später beginnt der neue Tag.

Am See entlang laufen wir über die Wiesen nach Poka. Blaue Traubenhyazinthen blühen im Kontrast zu den leuchtend orangefarbenen Flechten auf den Steinen.

Wir finden Brocken von Obsidian – Vulkanglas.

Ein Stück weiter liegt eine halbgegessene Schweinshaxe, der nächste wilde Hund wird sich darum kümmern.

Leute kommen uns auf der Dorfstrasse entgegen: „Gamarjoba!“ „Gamarjoba!“ grüßen wir hin und her. Torfstücke sind zu Mauern gestapelt, vor den Bauernhäusern sitzen die Alten in der Sonne. Die Frauen mit Kopftuch und Kittelschürze winken herüber.

Überall im Ort stehen die Überlandleitungen, wir finden einen Zählerkasten. Das scheint die Gasleitung zu sein!

Im eiskalten Fluss steht ein Fischer. Geschickt senkt er den großen Kescher ins Wasser, steht still wie eingefroren und hebt das Netz ganz langsam wieder hoch.

Vor der Schule parkt eine weiße Luxuskarre, junge Männer darin, die wattstarke Anlage wummert. „Good sound!“ rufen wir rüber, die Männer lachen und winken. Die Musik ist wirklich gut, leider vergessen wir uns zu erkundigen, was das ist.

Neben uns hält ein blauer Kastenwagen, wir werden etwas gefragt. „English?“ fragen wir zurück. Der junge Mann überlegt…..“Hello!“ ruft er dann. Seine Kumpel lachen.

Zeichensprache. Wir verstehen, daß sie nach Ninotsminda fahren, ob wir mitfahren möchten? Nein, danke! Sehr nett!

Wir wandern am Friedhof entlang. Solche Grabsteine haben wir noch nie gesehen. Eingraviert in den Stein schauen uns die Verstorbenen an, lächeln uns zu. Teilweise lebensgroß lehnen sie lässig an Mauern, tragen Blaumann oder Ringelpulli. Ein ganz anderer Eindruck entsteht, ein ganz anderer Bezug zu der Person, die dort begraben ist. Sehr persönlich, als lernen wir sie kennen. Ein kleiner Junge grinst uns an, unterm Arm klemmt sein Fußball. Das berührt uns sehr viel tiefer, als ein Name und ein Datum auf dem Stein.

 

Am Ortsausgang steht ein kleiner Marktstand mit Sulguni Käse. Das war unser Ziel, wir kaufen ein. Die beiden Frauen sind sehr fröhlich, wir unterhalten uns georgisch-deutsch. Keiner versteht den anderen und wir verstehen uns doch.  Wir dürfen ein Foto machen.

 

Eier haben sie heute nicht, wir sollen zum Minimarkt neben der Tankstelle gehen. Da kommen wir automatisch auf dem Rückweg vorbei.

Der Laden ist zu. Ein Mann zeigt uns, wo wir klingeln sollen. Wir warten…..Nach ein paar Minuten kommt jemand und schließt auf. Der Laden hat alles. Brot, Wurst, Dosen, Gummistiefel, Kleidung, Schubkarren und Eier. Ein echter Gemischtwarenladen, super!

Auf dem Heimweg hält ein Wagen neben uns. Die Heckscheibe besteht aus zusammengeklebten Plastikfolien, null Durchsicht. Ob wir mitfahren möchten, er fährt zur „red mashine“. Damit meint er die Rappelkiste – alle wissen natürlich, wo wir wohnen.

Vielen Dank, aber wir möchten gerne laufen.

Vorbei am verschüchterten Hündchen wandern wir durch Poka. Uns gefällt es hier sehr gut.

 

Am frühen Abend kommt uns eine Familie besuchen.  „Ruskiy?“ „Germani.“ „Armenia“ erklärt der Vater stolz. Ob sie Fotos von der Rappelkiste machen dürfen? Na klar! Und nicht nur das, wir laden alle ein, sich mal hinters Steuer zu setzen.

Zuerst sind die Kinder schüchtern, aber dann wird es sehr lustig. „English?“ frage ich die größeren. Kopfschütteln. Alle kichern und sind ganz aufgeregt, inklusive Papa. „Nice!“ sagt plötzlich der älteste Sohn. Ah! Englisch! Super!

Eine sehr sympathische Familie. Alle Fotos sind im Kasten, sie winken, steigen ins Auto und zack – sind sie wieder weg. „Goodbye!“ ruft der große Junge noch.

Zugvögel fliegen über uns hinweg, wir genießen den Abend auf der Rappelkistentreppe.

Bald sind wir umzingelt von einer riesigen Schafherde.

Ein wunderschöner Tag.

Später am Abend kündigt sich über den Bergen ein Wetterwechsel an.

 

 

Sonnenaufgang um kurz vor 6 Uhr.

Es ist wärmer geworden, der Morgen ist herrlich. Aber vormittags zieht es sich zu und ein heftiges Gewitter tobt sich aus. Kirschkerngroße Hagelkörner knallen aufs Dach.

Mittags ist alles vorüber, die Sonne scheint, als wär nichts gewesen. Wir machen die Rappelkiste startklar.

Vor der Schule treffen wir den netten Jungen von gestern mit seinen Freunden. „Hello my friend!“ ruft er, wir winken zurück: „Goodbye, my friend!“

Im Minimarkt kaufen wir ein und dürfen an der Leitung vor dem Haus Wasser tanken. Dann sind wir wieder unterwegs.

Auf Wiedersehen Paravani See! Auf Wiedersehen Poka! So schön war es hier, wir kommen eines Tages zurück!

 

Die Seidenstrassen-Bahnstrecke läuft noch ein paar Kilometer parallel zur Landstrasse.

Die Wolken hängen tief, es geht zügig abwärts ins Tal.

„Es riecht nach überhitzter Bremse!“ Auf einem Waldparkplatz überprüfen wir kurz die Bremsen – Entwarnung. Der Geruch muss von der vorausfahrenden Marschrutka, dem Sammeltaxi, gekommen sein. Zwei Welpen purzeln über die Strasse, ein frecher Kleiner und ein schüchterner Großer und betteln. Etwas altes Brot können sie haben.

Vor uns liegt das Tsalka Reservoir.

Unten im Tal angekommen rollen wir entlang des Sees durch die Dörfer.

Hier sind die Häuser wieder anders, nicht mehr so robust und aus einem Guß wie oben in der Gegend von Ninotsminda und Poka.

Viele Gebäude stehen leer und verfallen.

Wir passieren die Kleinstadt Tsalka.

 

 

Nicht viel los in Tsalka.

Der Fluss Egrichai begleitet uns ab jetzt. Nomaden ziehen mit ihren großen Herden übers Land. Schafsgroße Hütehunde halten Ordnung, die Packesel sind kaum noch zu sehen unter ihrer Last.

Kleine Kirchen am Weg, auf den Hängen weiden große Rinderherden, begleitet von Hirten hoch zu Ross. Nomadenzelte aus blauer Plastikfolie stehen nicht weit entfernt.

Ein Betonpfeiler wünscht „happy journey“. Am Bareti See wollten wir heute Feierabend machen, aber das ist uns nun zu früh, wir düsen dran vorbei.

 

Das Strassenschild „Achtung Kinder!“ sieht eher nach „Achtung Prügelei!“ aus. Als ob der Große den Kleinen jagt und dafür einen auf die Nase gezimmert bekommt.

 

Hier beginnt der Algeti Nationalpark. Es wird wieder bergiger. Ein Radfahrer müht sich aufwärts. Wir ziehen an ihm vorbei zum Pass.

Langsam und ruhig rollen wir wieder bergab – zack, taucht der Radfahrer im Rückspiegel auf. Er hat uns locker eingeholt!

6% Gefälle, der Radfahrer bleibt uns auf den Fersen….

In der kleinen Schlucht neben uns sprudelt der Algeti Fluss. Den Radfahrer haben wir abgehängt.

10% Gefälle, über vier Serpentinen winden wir uns 200 Meter hinab ins Flusstal. Mein neues Lieblingsauto kommt uns entgegen.

So langsam wird´s Zeit. 16 Uhr, wir halten Ausschau nach einem Übernachtungsplatz. Sieht erstmal schlecht aus, auf den nächsten 18 Kilometern gibt es keine Möglichkeit zu halten.

Schöne Wiese, aber leider ohne Zufahrt. Das Algeti Reservoir schimmert graublau im Tal. Vielleicht findet sich dort was?

Ja, ein Picknickplatz oberhalb des Sees. Ein bißchen schräg, aber das macht uns nichts.

Keine Minute später bekommen wir Besuch vom ortsansässigen Hunderudel. Ein lustiger Haufen, hoffnungsvoll wedeln sie um uns herum. Ein kleiner Spaniel mit Glubschaugen, einer mit viel zuviel Fell, zwei magere Hündinnen und der wohlgenährte Chef. So sind wir bestens bewacht.

Feierabend im Sonnenschein. Von 2077 Metern am Paravani See sind wir heute auf 807 Meter runtergefahren. Es ist warm, 22 Grad. Um die Rappelkiste herum rupfen ein paar Kühe das Gras, zwei Hirten grüßen herüber. Unten am See sitzen vier Angler. Es gibt eine Hundeprügelei, als noch ein Rüde auftaucht. Die Fronten sind schnell geklärt, der Neue versteckt sich unter einem Auto.

Nach einer Stunde ziehen dicke Wolken auf, noch eine Stunde später regnet es und über den See stürmt der Wind.

Wir machen es uns drinnen gemütlich,

liebe Grüße, bis bald!

Julia & Martin

Drink positive!

Auf Instagram: Rappelkisteberlin

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