Rücksturz in den Norden Teil 2

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Dichter Nebel verhüllt die Stadt Fes am nächsten Morgen. Ich würde mir die Altstadt jetzt doch sehr gerne ansehen. Mein Vorschlag, die Wagen stehen zu lassen und in die Stadt zu einem Bummel zu trampen stößt auf keinerlei Zustimmung. Es wird müde lächelnd abgewunken. Hmmm, dann wohl nicht. Wir packen zusammen, machen uns auf den Weg weiter nach Norden. Die Landschaft erinnert an die Toskana im Herbst. Oliven, Täler, sanfte Anhöhen, gepflegte kleine Felder und Bauernhäuser, sehr schön!

Auf schmalen Strassen erreichen wir ein weitläufiges Flusstal. Ein großer Berg steht mittendrin, gigantisch grau und kahl in diesem grünen Tal. Oh, das reimt sich! Am Fluss stehen große Schaufelräder aus Holz, die die Felder bewässern.

In den Ortschaften immer dasselbe. Kaum halten wir, werden wir angesprochen: „Wollt ihr essen, was wollt ihr kaufen, kommt, kommt….“ In einem Dorf verstellen uns Jugendliche den Weg, wollen uns stoppen. Wir hören die „Dirham – donne moi“ – Schreie, mit dem Drucklufthorn dröhnt Martin uns den Weg frei. Geschimpfe, Gezeter und ein Stein fliegen in unsere Richtung.

Das wird ja immer besser. Aber die Kinder in anderen Ortschaften winken freundlich oder machen gar nichts, das ist zum Glück der Normalfall.

Gegen Abend erreichen wir bei Taounate den Barrage El Wahda, einen riesigen Stausee am südlichen Ausläufer des Rif – Gebirges. Am Ufer können wir zwischen ein paar Kühen und Schafen parken. Auch dieser See hat wenig Wasser.

Es hat kaum geschneit in diesem Winter. Was für uns ein Traum war, nur zwei Tage Regen in den letzten zwei Monaten, ist für Marokkos Landwirtschaft ein Albtraum. Zur Abenddämmerung kommt jemand auf dem Moped. Sécurité, es sei hier nicht sicher, man kann hier nicht übernachten. Wir weigern uns strikt, zu fahren. Der Mann gibt auf und knattert davon. Das nervt jetzt aber langsam richtig!

Morgennebel, die Kühe muhen, eine Schafherde zieht um uns herum. Wir starten erst am späten Mittag, das Wetter ist wechselhaft. Der See wird umrundet, links und rechts Felder, Pferde ziehen den Pflug. Schulkinder winken fröhlich, die bunt bemalten Schulen leuchten in ihrer grünen Umgebung. Die Landfrauen tragen hier alle lange Hosen, eine Decke um die Hüften und einen Strohhut. Jedes Fleckchen Erde ist bewirtschaftet. Die Bauernhöfe sind mit bunten Mustern bemalt. Ein Huhn rennt knapp vor unseren Reifen über die Strasse. War das eine Mutprobe oder ein Selbstmordversuch?

Wir machen Pause in einer Kleinstadt. In der Stadt tragen die Damen weiche Plüschanzüge, gern in rosa mit Herzen drauf oder leuchtend blau mit weißen Sternchen und darüber einen dicken Flauschbademantel. Ein etwas merkwürdiger Anblick. Die Werbung des örtlichen Zahnarztes begeistert uns.

Drei Bäckerdamen drängen sich hinter dem schmalen Tresen der Bäckerei. Hellauf entzückt lauschen sie Alfreds Bestellung auf bayrisch. Ihre farbigen Bademäntel knistern, als sie sich vor lachen biegen, sie kriegen sich kaum wieder ein!!
Wir gehen Kaffee und frischen Orangensaft trinken, niemand quatscht uns an, keine Kinder verfolgen uns. Super! Jetzt noch Kekse kaufen. In der Keksvitrine verstauben auf dem Boden die Wespenleichen der vergangenen Jahrzehnte. Die Kekse werden abgewogen, der Keksmann stutzt. Probiert es nochmal… „ Bien alors,“ sagt er, na dann, die Waage ist kaputt, deshalb schenkt er uns die Kekse! Wir sind überrascht und freuen uns riesig!! Marokkaner können so nerven und so toll sein!

Die Landschaft wird immer bergiger, Dörfer sind an die steilen Abhänge geklebt.

Jedes Fleckchen wird bewirtschaftet, dadurch wird es schwierig irgendwo zum Übernachten zu stoppen. Bei Zoumi erklimmen wir am frühen Abend nochmal steile Serpentinen in einem Fichtenwald. Da plötzlich ein Parkplatz! Nix dolles, aber wir müssen nehmen, was wir kriegen können. Geht für eine Nacht. Wir machen uns ein Bier auf. Keine fünf Minuten und wir bekommen Besuch von sechs Jungs, so zwischen 10 und 12 Jahren. Angeber, Nervensägen. Frech. „Bier, donne moi!“ „Nein, dafür seid ihr noch zu klein“. Kicher, palaver, kicher, palaver, endlos.

Wir unterhalten uns mit ihnen, schauen ihren Faxen zu, aber nach einer Stunde haben wir genug und gehen rein. Blitzschnell schnappt sich einer die leere Bierdose und flitzt weg! Es beginnt zu regnen. Wir sitzen drinnen, Martin hört irgendetwas am Auto. Als er das Fenster öffnet, rennen vier Jungs wie geölte Blitze davon. Mit einem unserer Spanngurte! Verdammt nochmal! Die restlichen Spanngurte, mit denen unser Feuerholz außen befestigt ist, holen wir rein und versuchen, uns nicht allzu lange zu ärgern.
Unsere Fahrt in den Norden Marokkos hat es in sich. Wir sind ganz schön genervt von allem. Im Süden, auf den Pisten, in der weiten Landschaft, war alles so entspannt – wie schön es dort war! Die Berber sind zwar geschäftstüchtig, aber sehr freundlich, die Kinder durchaus nervend, aber keine Steinewerfer. Jetzt sind wir froh, wenn wir bald auf der Fähre nach Europa sind.

Einmal Sightseeing steht noch auf unserem Wunschzettel, wir möchten nach Chefchaouen, in die blaue Stadt. Im typischen Morgennebel verfeuern wir unser letztes Feuerholz, wir lassen nichts übrig. Zwei Frauen kommen vorbei, eine trägt einen traditionellen Bommelstrohhut.

Zwischen Steilhängen schlängelt sich die Fahrbahn hindurch. Auf den Hängen kleine Ackerflächen, so steil, daß sie von den Bauern von Hand gehackt werden müssen. Zwei Ziegenhirtinnen folgen ihrer Herde und erklimmen auf allen vieren die Steilwand. Im Hintergrund sehen wir bereits erste blaue Häuser vor einem Berg leuchten. Am späten Nachmittag erreichen wir Chefchaouen und halten für einen ersten Fotostop. Eine japanische Reisegruppe entdeckt Shina auf ihrem Podest im Fahrerhaus. Die kleine japanische Hundedame ist die Attraktion!
„Shiba, Shiba, Shiba!“ rufen alle aufgeregt durcheinander und knipsen wie verrückt in den Unimog. Wir quartieren uns auf dem Campingplatz oberhalb der Stadt ein. Der Platz ist ungepflegt und verhältnismäßig teuer. Die warme Dusche muß extra bezahlt werden und ist nichts anderes als ein Drecksloch.


Auf dem Platz steht der Mercedes von den „Tolos“! Kerstin und Tilo, mit denen wir ein paar Tage gemeinsam im Süden unterwegs waren. Eine nette Überraschung! Wenig später kommen auch Uwe und Claudia, die wir in Legzira kennengelernt haben, mit ihrer Feuerwehr angefahren, na, das ist wirklich eine sehr nette Runde!

Lange sitzen wir alle zusammen zwischen der Rappelkiste und dem Unimog, kramen unsere letzten Alkoholvorräte raus und erzählen uns Marokkogeschichten, ein sehr fröhlicher Abend!
Nach einem gemeinsamen Frühstück in der Sonne wandern wir zu sechst los in die Stadt. Kerstin und Tilo haben etwas anderes vor. Durch ein kleines Tor geht es in die Medina. Blau, blau, alles blau! Und phantastisch schön! Wir schlendern vollkommen unbelästigt durch die Gassen, betrachten in Ruhe die Auslagen der winzigen Läden. Klar, es ist touristisch, aber eben nicht nur! Es ist auch noch sehr marokkanisch. Die Leute leben hier noch in ihren blauen Häusern ihren ganz normalen Alltag mit ihren ganz normalen Geschäften. Und dazwischen Touristen. Nicht umgekehrt.
Auf einem großen Platz setzen wir uns vor ein Restaurant und bestellen. Es gibt Pizza. Sylvia und Alfred setzen nochmal auf typisch marokkanische Küche. Auf einmal hören wir Männergesang, der Trubel auf dem Platz erstirbt. Eine große Gruppe Männer marschiert singend über den Platz, ganz vorn tragen vier von ihnen eine Bahre auf ihren Schultern. Darauf liegt unter einem grünen Tuch eine Leiche. Andächtig schweigen alle, bis der Zug um die Ecke zur Moschee abgebogen ist, dann hebt sich der Lärm wieder.
Unser Essen kommt, die Pizza ist wirklich gar nicht so schlecht. Alfreds Bohnensuppe ist zähe, graugrüne Pampe und Sylvias Tajine besteht aus einem Viertel Huhn mit Matschpommes. Kein Gemüse. Ein voller Reinfall.
Auf dem Rückweg durch die schmalen, blauen Gassen kaufen wir in einem klitzekleinen Laden ein paar Kekse. Die Keksfrau kann kaum über den Tresen gucken. Wir treffen die Träger mit ihrer nun leeren Totenbahre wieder. Kommen an zwei 6qm großen Handwerksgeschäften vorbei, Zwergenbaumärkte. Treppenaufgänge in den Häusern sind oft nur schulterbreit, die Stufen steil und 50cm hoch. Immer wieder leuchtet uns das Blau in anderem Licht und Schattierungen entgegen, Chefchaouen ist ein echtes Erlebnis!

Morgen starten wir alle zu unterschiedlichen Zeiten zu unterschiedlichen Fähren. Dies ist unser letzter Abend in Marokko, wir sitzen bis spät in großer Runde, lachen und erzählen zusammen.
Abschied am nächsten Morgen. Mit Sylvia und Alfred sind wir in Tarifa verabredet, die anderen werden wir wahrscheinlich nicht wieder treffen. Es war so schön, euch alle kennengelernt zu haben! Viel Glück und gute Reise!
Bis Tanger Med fahren wir durch ein vergleichsweise modernes Marokko. Der Autoverkehr nimmt zu. Die Autos sind neuzeitlich, die Häuser und Gärten gepflegt, die Leute gut angezogen. Die Armut ist nicht mehr offensichtlich.
Unsere Dirhams vertanken wir bis auf den letzten Heller, der Tankwart gibt uns noch ein bißchen Extrasprit dazu. Unser Schiff geht von Tanger Med, das von Sylvia und Alfred von Tanger Stadt. Im nächsten Ort verabschieden wir uns, winken dem Unimog nach. Bis morgen gehen wir getrennte Wege, direkt ungewohnt. Wir biegen ab zur Autobahn und steuern auf die Mautstation zu. Äh, Moment, Mautstation? Ups, wir haben keinen einzigen Dirham mehr! Was jetzt? Anhalten und überlegen. Wir stehen keine drei Minuten, da kommt ein junger Mann. Ob er helfen kann? Wir schildern kurz die Lage, er kann tatsächlich helfen und tauscht uns 5,-€ in 50,-DH. Manchmal hat es auch sein Gutes, wenn man angesprochen wird. Prima, los geht´s, Spanien, wir kommen!
Im Hafen von Tanger Med passieren wir die Passkontrollen eins und zwei und buchen uns anschließend am Ticketschalter auf die nächste Fähre ein. Um fünf soll sie ablegen, das heißt in drei Stunden. Macht nichts, wir haben ja noch was vor uns. Schlange stehen, dritte Kontrolle, Schlange stehen, vierte Kontrolle, Schlange stehen, Röntgen. Dafür müssen wir aussteigen, das Röntgengerät fährt an den Autos vorbei. Danach warten….alles gut, keine Drogen, keine blinden Passagiere. Fünfte Kontrolle, Schlange stehen zum Schiff.

Um halb sechs kommt die Fähre, um halb sieben werden wir aufs Schiff gewunken. Rückwärts, ein 40Tonner „schiebt“ uns dicht vor sich her. Martin manövriert uns zentimetergenau auf den angewiesenen Platz. Um sieben legen wir ab, wir stehen an Deck und winken nochmal. Adieu Marokko!

Es war unglaublich schön, unglaublich nervtötend, unglaublich aufregend und abenteuerlich. Würden wir nochmal hinfahren? Sofort!

Bis bald, liebe Grüße

Julia & Martin

Drink positive!

Fazit Marokko:
Zweieinhalb Monate waren wir im Land unterwegs.
Die Küste im Westen:
Wir sind die Küste runter bis Tantan gefahren. Aufgrund der angespannten Situation durch die Touristenmorde im Dezember war es schwierig, an der Küste einen Stellplatz außerhalb von Campingplätzen zu finden. Wir wurden häufig aus „Sicherheitsgründen“ weitergebeten. Ohnehin sind die herrlichen, kilometerweiten Strände überwiegend für Wohnmobile verboten, was auch tatsächlich respektiert wird. Ein paar wenige sehr schöne Plätze lassen sich jedoch noch finden. Essaouira ist immer noch eine sehr schöne Stadt, auch wenn der alte Zauber vergangen ist und einem starken Tourismus weichen mußte. Unsicher haben wir uns nie gefühlt.
Der Süden, die Sahara:
Von Tantan bis Merzouga sind wir einmal quer durchs Land gefahren. So weit es ging auf Pisten, weg von den Teerstrassen und Ortschaften. Die Landschaft ist atemberaubend, abwechslungsreich und zauberhaft. Übernachten und bleiben kann man überall, wo es einem gefällt. Manchmal fällt die Entscheidung schwer, weil es überall so schön ist. Auch in Grenznähe zu Algerien fühlten wir uns sicher und haben keine einzige brenzlige Situation erlebt. Sehr entspannt. Die Sahara im Süden des Landes mit ihren hohen Wüstendünen ist noch am Anfang des totalen Tourismus, hier sind dem Spaß und dem Naturerlebnis noch keine Grenzen gesetzt.
Der Osten:
Die großen Sanddünen des Erg Chebbi sind touristisch stark frequentiert, von Einsamkeit ist man weit entfernt. Dort beginnt die Piste Merzouga – Boudenib, die unbestreitbare Krönung unserer Pistenabenteuer. Auf Tiefsand und durch Palmenoasen führt sie nah an die algerische Grenze und dann tagelang auf einer Achterbahn durch eine einsame Steinwüste. Großartig!
Die Fahrt in den Norden:
Ab Boudenib beherrscht Landwirtschaft das Bild. Seien es die gigantischen Dattelpalmenplantagen oder die aneinandergereihten kleinen Felder im Landesinnern südlich des Rif-Gebirges. Einen Stellplatz zu finden wurde dadurch wesentlich schwieriger. Die großen Stauseen waren zu unserer Reisezeit im März ziemlich leer. Die Landschaft erinnert teilweise an die Toskana, alles ist grün und fruchtbar. Fast jeden Abend wurden wir aus „Sicherheitsgründen“ gebeten, woanders zu übernachten. Sicher seien Städte, nicht das Land. Wir haben uns nie unsicher oder bedroht auf dem Land gefühlt.
Die Marokkaner:
Die Marokkaner sind hilfsbereite, sehr freundliche, lustige Leute, die sehr gerne lachen. Sehr viele sprechen hervorragend deutsch. Bekannterweise sind Marokkaner äußerst geschäftstüchtig, was teilweise sehr nerven kann. Die Armut im Süden ist nicht zu übersehen, manche Leute haben hier wirklich nichts außer ihren zerrissenen Kleidern und aus Müll zusammengebauten Behausungen. Wir empfanden die Menschen im Süden als entspannter und weniger aufdringlich. Die Berber und die Nomaden waren immer sehr freundlich und höflich. Die Kinder im Süden betteln bei jeder Gelegenheit, sind dabei aber überwiegend höflich und verhältnismäßig zurückhaltend.
Im Landesinnern, je weiter man nördlich kommt, ändert sich die Situation. Die Kinder betteln teilweise aggressiv, fordern eine Abgabe. Der Ärger mit den Kindern ist hausgemacht.
Ich wünschte, die Touristen würden aufhören, Bonbons, Stifte und Geld aus dem Wohnmobilfenster zu werfen. Dadurch haben die Kinder erst gelernt, daß sich mit aggressivem Betteln schnell Geld verdienen läßt.
Müll:
Ist überall. Alle Strände sind müllig, vor allem vermüllt mit Plastik. Plastiktüten sind schon lange in Marokko verboten, das nützt aber nichts gegen die Altbestände und die Plastikflaschen. Auch Plastikgewächshäuser sieht man mehr und mehr, die Planen zerreißen und wehen überall hin. In den Städten und Dörfern ist es oft schmutzig, staubig und müllig. Der Müll wird auf die Strasse oder hinter die Häuser gekippt. Gibt es tatsächlich mal eine Mülltonne, ist sie übervoll und wird nicht geleert. Aus einer der seltenen Müllkippen wehte der Plastikmüll über den niedrigen Zaun, alles war im Umkreis von mehreren 100 Metern zugemüllt. Wir haben unseren Abfall jeden Tag verbrannt. Auch den Plastikmüll, denn er wird ansonsten nur in die Landschaft geweht. Umweltverträglich entsorgt wird in Marokko, so weit wir sehen konnten, nichts.

Unsere Vorstellung von Hygiene, Kühlketten oder sowas kann man getrost vergessen. Trotzdem erfreuen wir uns bester Gesundheit und waren auch in Marokko nicht krank. Man darf eben nicht nicht zimperlich sein.
Es war alles in allem einfach grandios……

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