Aufmuntern

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Raus aus dem Stimmungstief. Wir brauchen ein wenig Aufheiterung! „Lass uns was unternehmen“ schlägt Martin vor. Ab geht´s – mit der Dax sausen wir nach Kaló Neró. Die Sonne setzt sich langsam gegen den grauen Himmel durch. Das Pfützenwasser vom nächtlichen Regen spritzt hoch, die Reifen schlittern durch Schlamm und Geröll. Macht richtig Spaß!

Bei Elenis Bäckerei fragen wir, ob wir uns mit einem Kaffee draußen hinsetzen dürfen. „For short time no problem“ sagt die Bäckerin. „Wenn Polizei kommt, müsst ihr bitte aufstehen.“ Sie entschuldigt sich ein paarmal, es ist ihr sichtlich peinlich. „Du kannst ja nix dafür“ sagen wir und bedanken uns. Wie wir das vermissen, vor einem Café oder einer Taverne zu sitzen und etwas zu essen oder zu trinken.

Der lockdown ist bis 07. Januar verlängert, niemand rechnet damit, daß es dann vorbei sein könnte. Die Infektionszahlen auf dem Peloponnes sind niedrig, doch: „der lockdown geht bis Ostern“ sagt Martin und ich fürchte, er hat recht.

Wir halten die Kaffeepause kurz und brausen die 6 Kilometer wieder zurück, unterwegs treffen wir Bernhard mit dem coolsten E-bike das wir kennen. Unsere Nachbarn spielen Rummikub, gemeinsam vernaschen wir die Schokomäuse, die wir mitgebracht haben.

Dimitris bringt uns das frische Olivenöl der diesjährigen Ernte mit. Geringerer Ertrag als letztes Jahr, das war zu erwarten. Die Hitzewelle im Frühjahr hat viele Blüten verbrannt und der heftige, kurze Sturm im September hat die Oliven aus den Kronen geweht. Dafür hat das Öl eine hohe Qualität. „Säuregehalt 0,3!“ erklärt er uns sehr stolz und zufrieden. Je niedriger der Wert umso besser, auf keinen Fall sollte er über 0,8 liegen. Wir testen:

Klar und hellgrün schimmert es auf dem Teller. Der erste Eindruck: frisch-fruchtig, ganz leicht bitter, zum Schluss entwickelt sich eine intensive Schärfe. Großartig! Bitte mehr davon!

Unsere Wassertanks sind leer, aber auf dem Gelände läuft mal wieder kein Tropfen. Die Gasflasche muß ebenfalls gefüllt werden. Wir fahren zur Tankstelle und fragen dort auch nach Trinkwasser. „No problem“ sagt der Tankwart, er zuckt mit den Schultern: „ich trinke das nicht, aber wenn ihr möchtet….“ Gut, das wir eine Filteranlage haben.

Wir bummeln durch Kyparissía, kaufen ein auf dem Markt und staunen über die Sitzgelegenheiten im Wartebereich des Friseurs.

Im Agrarladen erstehen wir ein paar 3×5 Meter große, grüne Planen für unser neuestes Gemeinschaftsprojekt, aber davon später….

Zurück zuhause besuchen wir den winzigen Flohmarkt am Strand, den die Whatsappgruppe organisiert hat. Zum erstenmal treffen wir ein paar Leute aus der Gruppe persönlich, bisher haben wir alle die Kontakte untereinander vermieden. Ein paar Klamotten, alte Bücher oder selbst gemalte Mandala-Postkarten werden angeboten.

Wie ist es schön, mal wieder unter Leute zu kommen. Seit mehr als 4 Wochen leben wir in unserer kleinen 3-Lkw-WG isoliert hier auf dem Gelände. Alle 10 Tage fahren wir zum einkaufen, immer maskiert, ansonsten haben wir sehr wenig Kontakt zur Außenwelt.

Benemsi, einer unserer Nachbarn, würde gerne einen Film über seine Tunesienreise zeigen. “Das wär mal eine Abwechslung im Alltag“ sagt er. Wir haben Beamer und Leinwand. Ob wir das machen sollen? Das müssen wir uns gut überlegen. Erstmal darüber nachdenken, das Für und Wider abwägen. Dann entscheiden wir: ja, wir fühlen uns in unserem Kreis sicher genug, um das machen zu können. Martin und Mathias bauen Beamer und Leinwand auf.

Herzlich willkommen zu den ersten internationalen Filmfestspielen von Elea!

In der Abenddämmerung erleben wir einen wunderschönen, kurzweiligen Filmabend, der alle aufmuntert.

24 Stunden später sitzen wir auf unserem Rappelkistenstrandsofa zu einem ganz anderen Kinoprogramm: Sonnenuntergang

„Heute vor einem Jahr sind wir in Elea angekommen, um ein paar Leute von Instagram persönlich zu treffen, weißt du noch?“ Wir erinnern uns: „Wir wollten 2 bis 3 Monate in Griechenland bleiben und dann nach Jordanien und Saudi Arabien weiterreisen…“ „Und im September mit dem Schiff nach Uruguay…..“    Träume……

Die Nachricht über ein neues Virus in China kam erst Tage später. Vogelgrippe, Schweinegrippe, hatten wir ja alles schon, diese neue Grippe hat uns nicht weiter beunruhigt. Wir hatten überhaupt keine Ahnung von der Kanonenkugel, die da auf uns zugeflogen kam. Ein Jahr ist vergangen, wir sind immer noch in Griechenland und alles hat sich verändert.

Doch wir glauben, daß wir es an „unserem“ Strand sehr gut getroffen haben. Wir können in der frischen Luft sein, haben schönstes Wetter und Kontakte zu vermeiden fällt leicht auf dem weitläufigen Gelände. Es ist leer geworden, nur noch wenige Camper stehen hier, die meisten sind wohl nach Hause gefahren. Die Polizei fährt ihre übliche Streife, die Verhaftungswelle ist verebbt.

Der Kinoabend hat so viel Freude gemacht, wir fühlen uns ermutigt, einen bunten Nachmittag am Strand zu planen und ein paar Leute einzuladen, die ebenfalls seit vielen Wochen auf dem Gelände ausharren. Klar, sind wir auch diesmal wieder unsicher ob das eine gute Idee ist…….“Tha doúme, wir werden sehen“ sagen wir uns, „schauen wir mal, ob überhaupt jemand kommen möchte.“

Alle freuen sich sehr über die Einladung. Eine große Palette als Tisch, Stühle und Strandliegen werden zum Strand getragen, jeder hat gutes Essen und Getränke mitgebracht. Ein unbeschwerter, sehr lustiger Nachmittag am Meer mit lieben, gut gelaunten Menschen und bei herrlichem Sonnenwetter. Befreiend und gelassen. Doch – das war eine gute Idee.

 

Die Wettervorhersage meldet eine Woche Regen – Einsatz für die grünen Planen. Wir bauen ein Regendach, eine Art WG-Küche ohne Küche, in der wir uns bei Schlechtwetter zum Karten spielen und plaudern treffen können. Pünktlich zur Einweihung unserer „Kantina“ wird der Himmel düster und grau.

Nachts wachen wir auf, weil es durch die offene Dachluke in unsere Gesichter regnet, die Regenwoche beginnt.

Das Meer bäumt sich auf, die Wasserkante schäumt hoch an den Dünenkamm. Der Wind treibt Schaumflocken über den nassen Sand, in den wenigen Regenpausen gehen wir spazieren. Das Boot sinkt tief in die wilden Wellen.

Die Kantina schützt uns vor Wind und Wetter, wir vertreiben uns die Zeit mit Tee, Keksen und spielen. An einem Abend singt Benemsi bayrische Wirtshauslieder für und mit uns, ein wunderbarer „Gstanzlsänger“  ( ← Danke Konni für dieses fabelhafte Wort! )

Jeden Morgen das gleiche Bild aus der Dachluke……

Desi und Philipp verlassen uns, sie möchten Weihnachten zuhause sein. Wir machen ein letztes Gruppenfoto. Schön, euch kennengelernt zu haben, bis irgendwann wieder!

Nach einer Woche haben wir es geschafft: die Sonne blinzelt hervor, am Himmel wird grau zu blau – Regenzeit ist vorüber. Die Rappelkiste trocknet, in den Bäumen glitzern die letzten Tropfen, überall plitscht und platscht es noch….

In 2 Aussenfächern unserer Rappelkiste steht das Wasser, Martin greift zu drastischen Maßnahmen und bohrt Löcher in die Kästen um es abfließen zu lassen….

Wir laufen morgens unsere Runde, Dampf steigt über den Feldern auf. Im Wald lassen sich die ersten Maronen finden, handtellergroß und vermutlich voller Würmer, ein weggeworfener Maiskolben wird zu einem kleinen Maisfeld

 

Das Boot hat im Sturm schwer gelitten, die gesamte Brücke ist von den Wellen mitgerissen worden, die Reling zerbrochen. Einzelne Bleche haben sich gelöst und sind fortgeschwommen, das komplette Deck ist eingesunken…

 

Auf der Suche nach einem funktionstüchtigen Wasserhahn fahren wir das Gelände ab. Zuerst versuchen wir es im Süden – der Hahn bleibt trocken. In der Mitte: kein Druck auf den Leitungen, nix. Im Norden? Müdes tröpfeln. Wieder Tankstelle? Nee, vielleicht läuft´s ja nachher hier irgendwo. Nächster Versuch ein paar Stunden später und siehe da: im Süden läuft´s, zwar mit sehr schlappem Druck, aber läuft!

100 Liter zu tanken dauert geschlagene 38 Minuten, rekordverdächtig! Da braucht man schon etwas Geduld….Sylvia und Alfred versuchen ihr Glück 2 Stunden danach und das Wasser schießt mit vollem Druck in Hochgeschwindigkeit in ihren Tank….

Tag 40 in Elea. Dimitris 50ter Geburtstag steht an und wir stehen wieder vor der Frage: veranstalten wir ein kleines Fest am Strand für ihn oder nicht? Ja, wir machen das!

Er freut sich riesig! „Hast du heute Geburtstag oder war das gestern?“ wird er gefragt. „Ich weiß nicht so genau“ sagt er. Wie bitte?

„Meine Mutter sagt, ich kam im Dezember 1970 an einem Montag auf die Welt. Oder an einem Dienstag oder Mittwoch, aber eher Montag. Mitte Dezember. Dann kamen erstmal alle Verwandten zu Besuch, dann die Feiertage und erst Anfang des Jahres hatte sie Zeit, meine Geburt bei den Behörden zu melden. Dort hat man dann den 01.01.1971 als Geburtstag in meinen Pass eingetragen. Der Beamte war der Meinung, das sei doch besser für mich, dann bin ich ein Jahr jünger. Aber geboren bin ich im Dezember.“

χαρούμενα γενέθλια Αγαπητέ φίλε ! Alles Liebe zum Geburtstag, lieber Freund!

Das Meer schwappt in ruhigen Wellen an den Strand, die kleine Showtruppe aus Luftballons tanzt im leichten Wind, die Kuchen sind so lecker, alle lachen und reden durcheinander…..so ein schöner Tag…..beinahe wie früher……

 

 

 

 

 

Wir haben lange überlegt und viel darüber gesprochen, ob wir diesen Blogbeitrag überhaupt so offen schreiben können. Manch einer wird beim lesen den Kopf geschüttelt haben über so viel Unvernunft. Sollten wir besser verschweigen, was wir in letzter Zeit erlebt haben? Unser Reiseblog ist auch ein Tagebuch für uns, verschweigen möchten wir das einfach nicht. Und ohne Fotos geht es auch nicht. Schwer zu entscheiden, wir waren sehr unsicher, wie wir verfahren sollen. Doch wir haben beschlossen, genau so zu erzählen, wie es sich zugetragen hat. Wie immer – eben auch in dieser außergewöhnlichen Zeit der Pandemie. Wir haben uns jede Zusammenkunft vorher lange überlegt. Pro und Contra sorgfältig erwogen. Seit 40 Tagen stehen wir alle. Isoliert auf dem kilometerweiten Gelände. Wir glauben nach wie vor, daß wir uns richtig entschieden haben.

Bis bald, liebe Grüße!

Julia und Martin

Drink positive!

Instagram: Rappelkisteberlin

 

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