Kappadokien – Derinkuyu und Narli Göl 20.04.2022

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Nein, wir schlafen nicht aus, wir stehen wieder morgens um 5 auf dem Plateau. Viele Scheinwerfer im Tal, aber kein Gebläse. Es nieselt. Um halb 6 starten zwei der Riesenföhne. Wir harren aus im Nieselregen….die Gebläse stoppen. Halb aufgeblasene Ballons liegen auf dem Boden. Eine Menge Leute in den Kleinbussen warten auf ihren Flug. Umsonst….Die Piloten entscheiden sich dagegen. Heute wird nicht geflogen, die Ballons werden schlapp.

 

Wäre das unser erster Tag hier gewesen, wären wir sicherlich ein wenig enttäuscht. So aber ist es okay.

5 wunderschöne Tage haben wir hier verbracht, heute reisen wir ab, etwas wehmütig…

 

Gegen 8 Uhr weicht der Niesel einem Mix aus Sonne und Wolken.

Auf geht´s!

 

Nach Derinkuyu, der unterirdischen Stadt. In Kappadokien werden bis zu 50 unterirdische Städte vermutet, 36 sind bekannt. Vermutlich zwischen dem 6. und 10. Jahrhundert angelegt, boten sie Obdach und Schutz für tausende Menschen. Irgendwann im Laufe der Zeit wurden die Städte verlassen und vergessen. Und erst durch einen Zufall wiederentdeckt.

Derinkuyu ist eine der größten Anlagen.

Während der 40 Kilometer Fahrt kommen wir an vielen Felsenstädten vorbei. Beinahe jeder Hügel ist durchlöchert.

Derinkuyu entpuppt sich als ein staubiges, verschlafenes Städtchen. Kaum Souvenirs, Restaurants oder Cafés, eine ganz normale ruhige Stadt, erstaunlich untouristisch. Schnell finden wir einen Parkplatz in der Nähe zum Eingang in die Unterwelt.

In den 60er Jahren wollte ein Mann seinen Keller erweitern und begann, eine Wand einzuschlagen. Zu seinem Erstaunen war hinter der Wand ein Raum, von dem mehrere Gänge abzweigten. Er forschte nach, fand mehr Räume, Gänge und Treppen, viele Stockwerke hinab in die Erde. So wurde die Unterirdische Stadt von Derinkuyu wiederentdeckt.

60 TL kostet der Eintritt, etwa 3,75€. Vor dem Eingang warnen große Schilder: wer Platzangst hat, Asthma oder ein Herzleiden soll besser nicht hinabsteigen. Das klingt ernst und etwas bedrohlich. Bis in das achte Stockwerk können wir hinab, wir sind etwas skeptisch, was die Luftverhältnisse dort unten betrifft.

Die Neugier siegt!

Eine Treppe führt hinunter in einen in den Fels geschlagenen Kellerraum, von dem viele Gänge abzweigen.

Welchen nehmen wir jetzt? Ein roter Pfeil weist uns die Richtung durch die Tunnel. In Nischen befinden sich Wasserkrüge und Lebensmittellager. Gebückt tasten wir uns durch die Räume und dann geht es fast 1 Minute lang eine enge Wendeltreppe hinunter.

Gänge, Räume, Tunnel, vor der nächsten Treppe abwärts warten wir eine Weile. Ein Wachmann regelt den Verkehr im Treppengang, es wäre zu eng für Gegenverkehr. Drei Reisegruppen kommen herauf. Dann ist die Treppe frei, mit krummem Rücken geht es gefühlt 1000 Stufen durch eine Felsenröhre in die Tiefe, bis in den 7. Stock unter tage.

Die vielen Stufen abwärts enden in einem hohen Raum, wir strecken erleichtert den Rücken. Platzangst darf man wirklich nicht haben in diesem Labyrinth, die Tunnel sind selten höher als 1,50 Meter.

Senkrechte Schächte durchziehen die Decken und Böden, wir nehmen an, das ist das ausgeklügelte Belüftungssystem. Es funktioniert hervorragend! Die Luft ist selbst im 7. Stock unter der Erde klar und frisch, kein bißchen stickig. Ein steter, ganz leichter Lufthauch weht durch die Kammern.

55 Meter tief im Erdboden. Es ist kühl. Die Orientierung hätten wir ohne die roten Pfeile an der Wand längst verloren. Gefühlt kilometerweit laufen wir Treppen und Tunnel, biegen ab in enge, dunkle Schläuche. Immer gebückt.

Sie verbinden unzählige Räume, von denen wieder neue Gänge abzweigen. Ein unterirdischer Irrgarten. Nicht immer ist alles gut beleuchtet, ohne Taschenlampe würden wir teilweise völlig im Dunkeln rumtappen, ziemlich unheimlich. Gut, daß wir eine Lampe mitgenommen haben.

Links und rechts befinden sich kleine Kammern, die Wohn- und Schlafräume. Zwischen 3000 und 50.000 Menschen sollen hier gewohnt haben. Ohne Tageslicht.

Eine Kirche ist der tiefste zugängliche Punkt. Wir laufen mal links rum, mal rechts rum, ein langer Spaziergang durch die Unterwelt. Hier und da linsen wir in Wohnräume, Vorrats- und Grabkammern, einmal führt ein stockfinsterer Gang auch nur im Halbkreis herum. Die Stadt ist riesig.

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In Wandnischen sind große Rundsteine gelagert, wie Mühlsteine. Damit wurden im Notfall die Gänge verschlossen.

 

Schließlich steigen wir viele Meter durch Treppenröhren wieder hinauf.

In den oberen Stockwerken sind die Viehställe mit Lichtschächten, Regenwasserbecken und großen Tränken. In einige führen Stufen hinunter, wie in ein kleines Schwimmbecken. Große, hohe Räume, hier ist es wesentlich „wohnlicher“ als ganz unten…..

Irgendwo hier muss der Ausgang sein. Noch eine lange Treppe hinauf und wir gelangen ins Freie, ins Licht!

 

 

 

Gutes Gefühl, wieder im Tageslicht zu sein. Zur Stärkung holen wir uns einen Granatapfelsaft.

Abenteuerlich ist die Wanderung durch diese unterirdische Stadt. Erstmal wirken lassen. Manchmal ganz schön unheimlich da im Dunkeln, die vielen Abzweige sind verwirrend, es ist anstrengend und sehr aufregend, mystisch – kurz: sehr beeindruckend.

 

Es ist erst Mittag. Nach einem kurzen Stadtrundgang durch Derinkuyus Oberstadt fahren wir weiter, durch die anatolische Weite, vorbei an erloschenen Vulkankegeln.

Unser Ziel ist der Narli Göl, ein Vulkankratersee.

Einsam und verlassen steht ein Thermalhotel am Strassenrand. Vor uns liegt der Vulkan, die Strasse führt die Kraterwand hinauf, oben haben wir einen herrlichen Blick auf den vollständig umringten Kratersee. Der Betreiber des kleinen Cafes am See begrüßt uns freundlich. „Hos Geldiniz! Willkommen! Geh rechts – andere Seite kaputt!“ weist er uns in schönstem deutsch den Weg. Okay, wird gemacht. Auf Schotter fahren wir am Seeufer entlang bis wir genau gegenüber eine Wiese am Wasser finden. Unser Übernachtungsplatz.

In den Wänden des Vulkans und in den Felskegeln sind ( natürlich wie überall ) Höhlenwohnungen.

 

Große Schafherden ziehen vorbei, ich starte die Flugkamera. Ein junger Hirte kommt: „Merhaba! Hos Geldiniz!“ Schüchtern fragt er, ob er mal gucken darf. Klar! Ganz begeistert sieht er eine Weile zu, bedankt sich dann und wandert seiner Herde hinterher.

 

Kaum ist die Sonne hinter der Kraterwand verschwunden, wird es sehr kalt. Das Gebimmel der Schafglocken verklingt, die Herden sind längst fort. Feierabend!

 

Ein dünner Hirtenhund begrüßt uns freudig am nächsten Morgen in der Hoffnung auf etwas Futter. Kriegt er natürlich.

Gerne würden wir noch einen Tag bleiben, aber das passt gerade nicht. Übermorgen ist Markt in Avona, der Töpferstadt, da möchten wir unbedingt hin. Und vorher noch wandern in einem Tal mit 50 Höhlenkirchen. Also fahren wir weiter – nach Ihlara.

Liebe Grüße, bis bald!

Julia & Martin

Drink positive!

Auf Instagram: Rappelkisteberlin

 

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