Provence – Richtung Osten: zum paddeln in der Gorge du Verdon

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Mit einem Berg frisch gewaschener, feuchter Wäsche steuern wir den Camping Les Cèdres in Apt an. Die Schranke ist geschlossen – Mittagspause – und zwar noch für die nächsten 4 Stunden. Wir schnappen unseren Wäschesack und hängen schon mal die öffentlichen Leinen auf dem Platz voll. Nach einer Stunde haben wir Glück, die Chefin taucht auf und läßt uns mit der Rappelkiste durch die Schranke.

Wir bummeln in die Stadt. Viele Geschäfte sind geschlossen. Einige sehen so aus, als ob sie nicht mehr öffnen werden, vielleicht eine Folge von Corona Maßnahmen? Aus unserer Lieblingsbar, Le Marigny, ist ein asiatisches Restaurant geworden. Wir haben die Öffnungszeiten falsch eingeschätzt, Feierabend ist überall schon um 18 Uhr. Hoffentlich hat die Poterie noch geöffnet. Mehrere unserer bunten Becher sind in den letzten Monaten zu Bruch gegangen. Glück gehabt, die Tür ist noch offen, jetzt können wir unsere Verluste ersetzen.

Nach dem Einkauf noch ein Getränk vor der Bar mit dem flinken, fröhlichen Kellner ( oder Chef ) – er fliegt nur so zwischen den Tischen hin und her, das volle Tablett balanciert auf der Handfläche und macht jeden Schwung mit – wie angeklebt – hier kurz charmant geplaudert, dort ein kleiner Scherz, nebenbei ein Tischchen abgewischt und neu serviert – ihm zuzusehen macht richtig Spaß.

Unsere Wäsche ist trocken, unsere Wassertanks sind voll, am nächsten Vormittag verlassen wir den Camping und ziehen weiter nach Lourmarin. 40 Kilometer auf einer schmalen Strasse, wir dürfen am Anfang der Schlange fahren. Erst hoch hinauf, dann durch eine Schlucht mit schroffen, grauen Felswänden, an denen sich Kletterer abseilen.

Eine wunderschöne Strecke. Am Ortseingang von Lourmarin finden wir einen guten Parkplatz mit Blick auf das Schloss.

Die kleine Stadt ist bezaubernd mit ihren malerischen Gassen, den vielen Galerien und Kunsthandwerksgeschäften. Ganz schön touristisch, aber das macht nichts.

Auf dem Heimweg bestaunen wir eine Platane, die sich ein dickes Stromkabel und einen Sicherungskasten komplett einverleibt hat.

Die Nacht bricht herein, sternenklar und warm. Septembernächte in der Provence, wer möchte da schon ins Bett gehen?

 

Das eigentliche Highlight in Lourmarin sind aber nicht die kleinen Gassen und Geschäfte, sondern der Markt am Freitag.

Wir stehen extra früh auf. Aus Erfahrung wissen wir, daß sich vor dem Stand mit dem allerbesten Brot immer lange Schlangen bilden, man muß frühzeitig da sein. Berge von Baguettes, gelben Maisbroten und knusprigen Roggen- und Dinkelbroten stapeln sich hinter den Scheiben. Manche gefüllt mit Rosinen oder Oliven, es duftet köstlich! Der Bäcker arbeitet allein an seinem langen Verkaufstresen und nimmt sich viel Zeit für jeden seiner Kunden. Obwohl es nur sehr langsam vorwärts geht, murrt oder quängelt niemand herum. Man plaudert derweil entspannt mit seinem Nachbarn in der Warteschlange, sehr angenehm.

Im Café Gaby trinken wir einen Kaffee, dann ziehen wir weiter von Marktstand zu Marktstand. Die Strassen füllen sich langsam, eine ältere Dame spielt ganz wundervoll französische Musettes auf ihrem kleinen Knopfakkordeon.

Mit unseren Einkäufen wandern wir zurück zum Café und finden auch schnell einen freien Tisch. Aber es ist Mittag, der Kellner erklärt uns, daß wir nur bleiben dürfen, wenn wir etwas zu essen bestellen. Nee, das möchten wir nicht. Wir gehen nach Hause. Es ist sehr heiß und wir fallen in einen tiefen Mittagsschlaf…..

Gegen 5 kommt wieder Leben in die Bude. Ein ausgedehnter Spaziergang durch die Weinfelder führt uns in großem Bogen um das Chateau herum. Einige Reben hängen noch, die Trauben sind zuckersüß.

Am Ende schlendern wir noch einmal durch die Gassen von Lourmarin, gönnen uns noch ein Glas kühlen Rosé vor dem Café Gaby. In der Dämmerung kommen wir zur Rappelkiste zurück. Es ist noch so warm, wir sitzen noch lange draußen auf der Treppe.

 

Am nächsten Mittag geht die Fahrt weiter, nach Osten.

Zuerst durch ein imposantes Felsental, dann entlang der Durance, an ihrem steinigen Ufer haben wir vor 2 Jahren ein paar Tage gerastet. Frankreich – Von Mérindol bis Seyssel

Wir passieren kleine, ruhige Ortschaften und Eichenwälder, das Sonnenlicht flimmert durch die Blätter. Die strammen Reihen der Lavendelfelder wechseln sich ab mit Obstbaumplantagen, mittendrin stehen die glanzvollen Chateaux der Obstbauern.

 

Nach zwei Stunden haben wir Hunger und keine Lust mehr zu fahren. Es ist 15 Uhr, als wir in Riez auf den Stellplatz rollen, als einziger Farbtupfer unter lauter weißen Wohnmobilen.

Vom Stellplatz aus ist es ein kurzer Weg zu Fuß in die Stadt. Vor dem Stadttor steht ein altes Lavoir, ein Waschhaus mit klarem, eiskaltem Wasser. In der Stadt schmale, feuchte Gassen. Große Feldsteinhäuser mit dicken Holztüren. Durch die Fenster sieht man gewaltige Deckenbalken. Dunkle Wohnungen im Parterre, der laufende Fernseher beleuchtet das Zimmer. Etliche Häuser sind eingestürzt und verfallen. Das Kino ist wohl auch schon lange geschlossen. Es fehlt die sonst übliche Blumenpracht vor den Häusern und Fenstern. Aber die Stadt ist bewohnt und belebt, eine ganz eigenartige Stimmung herrscht hier, ein morbider Charme.

Vor der Bar Central sitzen wir unter dem Dach der Platanen. Ein Baum verschlingt ein Werbeschild. Sie mampfen alles….

Es ist nicht viel los. Auf dem Rückweg streifen wir durch eine Gasse mit einigen Restaurants, alle Tische sind eingedeckt, man erwartet noch Gäste. Durch offene Fenster und Türen sehen wir das geschäftige Treiben in den Restaurantküchen.

Im Morgengrauen prasselt Regen auf unser Dach, am Himmel zucken Blitze, gefolgt von heftigem Donner. Es macht wenig Sinn, bei dem Wetter weiterzufahren. Wir machen es uns gemütlich und irgendwann am frühen Abend klart der Himmel wieder auf. Draußen sitzend lauschen wir den ersten Hochrechnungen der Bundestagswahl in Deutschland und schütteln den Kopf über das Chaos bei der Wahl in Berlin.

 

Zum Lac de Ste Croix sind es nur 30 Kilometer. Das Wetter ist klar und sonnig, perfekt um paddeln zu gehen in der Gorge du Verdon. An Moustiers Ste Marie vorbei sehen wir bald den türkisfarbenen See unter uns. Überall Höhenschranken, erst hinter der Brücke weit oberhalb des Ufers finden wir einen Parkplatz. Dann müssen wir das Boot eben runter zum Wasser tragen. Beim letzten Mal konnten wir noch am Ufer parken……

In Windeseile ist unser Boot aufgebaut.

Der Wasserpegel des Sees ist um mindestens 1,5 Meter abgesunken. Am Ufer tiefer Schlick, bis zu den Knöcheln versinken wir im Matsch. Mit Schlammfüßen klettern wir ins Boot und paddeln los. Es ist wesentlich mehr los, als erwartet. Eine Menge Leihpaddel- und Tretboote. Wir fühlen uns ein bißchen wie in Disney Land oder Las Vegas. Irgendwie Freizeitpark-künstlich. Trotzdem ist die Schlucht beeindruckend schön. An den Felswänden hangeln sich Kletterer hoch.

Das Wasser ist so niedrig, daß wir noch nicht einmal bis zur eigentlichen Sperre paddeln können. An ein paar Stromschnellen ist Schluß, unser Boot läuft auf Grund. In einer kleinen Bucht dümpeln wir eine Weile in der Sonne herum, dann rudern wir zurück. Weit oben markiert ein Felssporn die Strecke, die wir morgen mit dem Steyr fahren wollen. Oben entlang des Schluchtrands, sieht etwas gruselig aus von hier unten….Unter der Brücke durch rudern wir auf den offenen See hinaus. Hier ist kaum Betrieb, das macht wesentlich mehr Spaß.

Weiter hinten finden wir eine steinige Stelle am Ufer. Der Boden ist fest und wir können bequehm an Land gehen. Dafür müssen wir das Boot ganz schön weit zurück zum Steyr tragen…..uff…

Oben an der Strasse zu übernachten, scheint keine gute Idee, also fahren wir zurück nach Moustiers zum offiziellen Stellplatz. Hier wird das Boot wieder ausgepackt und trockengerieben. Der Parkscheinautomat möchte partout unsere EC-Karte nicht nehmen, wir kämpfen ein wenig, aber irgendwann müssen wir uns geschlagen geben und zahlen mit Kleingeld. 12,50€ fürs parken – der Campingplatz in Apt ist inklusive allem Service nur 0,70€ teurer…

Sei´s drum, unser Boot ist trocken, unsere Kehlen zum Glück nicht – der Rosé schimmert verlockend in unseren Bechern – die Nacht ist mild, was will man mehr?

Morgen haben wir einen langen Fahrtag vor uns, wir möchten bis zur französisch-italienischen Grenze kommen. Irgendwie haben wir es beide langsam etwas eilig. Anfang Oktober wollen wir in Griechenland sein, das wird knapp….

Bis bald, liebe Grüße!

Julia & Martin

Drink positive!

Auf Instagram: rappelkisteberlin

 

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