Zentralanatolien – zum Tuz Gölü 10.04.22 – 14.04.22

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Raus aus Istanbul. Lieber über die Bosporusbrücke oder lieber mit der Fähre hinüber nach Asien? Vor der Brückenfahrt gruselt es mich, wir entscheiden uns für die Fährfahrt. Über die sonntäglich leere Stadtautobahn entlang des Marmarameers steuern wir zum Anleger in Sirkeci. 100 TL soll die Überfahrt nach Harem kosten, so steht es auf einem Schild. Als Martin an der Kasse einen Hunderter rüberreicht, möchte der Kassierer noch 175TL mehr. Es wird diskutiert. Langes Hin und Her, es bleibt dabei. Der Kassierer erhebt irgendeine Sondergebühr. 275TL sind umgerechnet ca 17,-€, was soll´s, das kommt uns immer noch günstig vor.

Gemütlich schaukelt uns die Fähre hinüber nach Harem.

Rappelkiste in Asien!

Direkt am Anleger beginnt die D100. Zunächst etliche Kilometer durch Trabantenstädte.

Am Strassenrand steht eine lustige, kleine Polizeiautoattrappe.

Dunstnebel über dem Meer, am Ufer Schwerindustrie, Aluminiumfabriken, dicke, stickige Luft.

Viele Lkws haben so etwas wie Keile auf den Felgen, wofür ist das? Keine Ahnung…

 

Die Ortschaften gehen ineinander über, nur durch die Schilder zu unterscheiden.

Alle paar Kilometer wieder so eine Polizeiattrappe, manche sogar mit Blaulicht. Vor uns fährt eine grüne, verbeulte VW Doka mit einem Sarg auf der Ladefläche. Am Strassenrand verkauft jemand bunte Papierdrachen. Von riesigen Werbeträgern lächelt väterlich Recep Erdogan herunter, die Hand aufs Herz gelegt – Werbung für die AKP.

Nach mehr als 100 Kilometern wird es ländlicher, wir sind raus aus den Vorstädten. Auf den Bergen zur Rechten liegt noch Schnee, ein Schild weist zum Kartepe Skigebiet. Wir biegen ab in eine kleine Seitenstrasse zum Seka Kamp. Oberhalb des Sapanca Gölü stellen wir die Rappelkiste auf einen großen Parkplatz – Schluss für heute.

27°C und pralle Sonne! Brav Sonnencreme drauf, Liegestühle raus und entspannen mit Seeblick. Zwei süße Welpen schmachten uns an und bekommen was zu futtern.

Im Westen zieht die für morgen angekündigte Regenfront auf. Abends füllt sich der Parkplatz, zum Fastenbrechen kommen alle zum See, beladen mit Tüten voller Essen und Picknickdecken. In den Restaurants schillernde Partybeleuchtung.

Später in der Nacht gibt es einige Unruhe auf dem Platz, Blaulicht und laute Stimmen. In viele Autos ist eingebrochen worden, erfahren wir. Zum Glück bei uns nicht.

 

Einkaufen steht am nächsten Morgen auf dem Plan. Im Supermarkt spricht uns ein junger Mann auf englisch an: ob wir hier wohnen? Ah, Tourist! In diese Gegend kommen nie Touristen, sagt er verwundert, bedankt sich und geht wieder. Im Regen fahren wir zur Schnellstrasse Richtung Ankara.

Das Hochwasser des Karasu überschwemmt das Land, wir sausen vorbei an Weingärten und blühenden Obstplantagen, willkommene Farbtupfer im Regengrau. Die Strecke führt durch Schluchten und Tunnel, immer wieder kreuzen wir die Bahntrasse  Istanbul – Ankara.

In einer Bäckerei am Strassenrand kaufen wir Ekmek, frisches Brot. Die Backstube duftet nach Holzkohle und Gebäck. Vor dem gewaltigen, schwarzen Ofen stehen Männer wie festgebacken und starren uns an. Die Verkäuferin bleibt locker, lacht fröhlich und verständigt sich mit uns per Handzeichen. Das Brot schmeckt ausgezeichnet!

Ein Tempolimit von 85km/h ist vorgeschrieben, ungewöhnlich…aber es kommt noch besser: das nächste Schild schreibt 82km/h vor. Über den Blechpolizisten wundern wir uns inzwischen nicht mehr…

Alle paaar Kilometer gibt es Wendeinseln. Es wird etwas holpriger, in den Schlaglöchern steht das Wasser.

Wir verlassen die Berge und fahren auf einer Hochebene.

Unser Ziel ist ein kleines Naturschutzgebiet um den Musaözü See. Südlich von Eskisehir verlassen wir die Schnellstrasse und erreichen nach etwas mehr als 20 Kilometern das Tor zum Nationalpark.

Der Torwärter telefoniert erstmal und fragt, ob wir übernachten dürfen. Okay, wir dürfen. Ein gepflasterter Weg führt am See entlang.

Beim Restaurant empfängt uns ein junger Mann, der sich als Captain Ferhat vorstellt. Er begrüßt uns freundlich und erklärt, das hier kein Campingplatz sei – „No facilities“- das brauchen wir auch nicht. Übernachten ist eigentlich nicht erlaubt, er darf aber Ausnahmen machen, wenn es nicht zuviel wird. 25TL kostet die Nacht, ca 1,60€. Wir können uns hinstellen wo wir möchten und sollen vorsichtig mit Feuer sein. Viel Spaß und schönen Abend! Teshekürler! Dankeschön!

Es ist saukalt, ein eisiger Wind fegt über den See. Wir parken und stecken das Ofenrohr an. Bald prasselt ein schönes Feuer im Öfchen. In der Dämmerung trillert draußen eine Nachtigall.

 

Morgens knistert es ganz leise auf dem Dach, ich schaue aus dem Fenster: es schneit!

Vorgestern 27°C und nun dies!

Am besten, wir drehen uns nochmal um und schlafen weiter, mindestens bis mittag. Heute fahren wir keinen Meter….

Und siehe da: abends klart es auf, gut verpackt in die wärmsten Jacken machen wir einen Rundgang.

Der Ruhetag hat gut getan.

Eine eiskalte Nacht beschert uns morgens Eisblumen auf der Dachluke und dicken Nebel über dem See

Aber nur eine Stunde später:

Wir sind startklar! Der Torwächter wünscht uns „Gute Reise und schönen Tag!“ auf deutsch, wir sausen los.

Um Eskisehir herum, danach geht es über 87 Kilometer schnurgeradeaus.

Rechts und links die Weite Zentralanatoliens, in der Mitte geradeaus…..

Felder bis zur Erdkrümmung, hat man das Gefühl. Die Bauern müssen wahrscheinlich einen halben Tag fahren, bis sie an ihrem Feld ankommen. Hinter den Treckern staksen Störche über die Äcker und schnappen nach Beute.

Die Büsche zieren nicht nur Blüten…

Und so geht es Stunde um Stunde….Die Weite ist unbeschreiblich. Ewig keine sichtbare Ortschaft, fast baumloses Ackerland. Die einzigen Bäume stehen am Strassenrand. Wir sind völlig fasziniert von sooo viel Platz…..

Einige Kilometer geht es entlang schöner Berge, jetzt mal vorbei an einer Ortschaft oder einem Verkaufsstand für Nüsse…

aber immer geradeaus…

Oho! Eine Kurve!

Vom Berg grüßt ein überdimensional großer Held. Hui! Noch eine Kurve!

Vor Polatli stehen Getreidesilos, wieviele 1000 Tonnen Getreide wohl auf den unendlichen Feldern produziert wird? Wir halten kurz in der Stadt und laden die Simkarte auf, geht ruckzuck. Ca 70 Kilometer vor Ankara verlassen wir die Schnellstrasse Richtung Osten.

Überall liegen Zwiebeln am Strassenrand, lose oder in roten Säcken. In der Luft der Zwiebelduft.

Hin und wieder sammelt jemand ein paar Zwiebeln ein. Wir fahren inzwischen auf 1350 Metern ü.M., auf den Feldern liegen Schneereste.

Überall stehen Sendemasten für landesweit schnelles Internet, auch im kleinsten Dorf. Große Storchgruppen durchsuchen die Wiesen, grasende Schafherden am Strassengraben, ein Steppenreiter im vollen Galopp.

Die Strasse wird einspurig, wir zuckeln durch einsame Dörfer. Lehmbauten neben modernen Häusern, kaum Leute auf der Strasse.

Noch ein wenig geradeaus…..

dann liegt vor uns der Tuz Gölü, ein großer Salzsee. Dort wollen wir heute am Ufer übernachten. Der Asphalt endet hier und geht über in eine Staubpiste. Damit haben wir nicht gerechnet. Na denn, ab in die Steppe….

Auf einem Hügel stehen Steinstehlen, vielleicht ein uralter Friedhof. Strahlendweiß leuchten uns die Salzbänke des Sees entgegen.

 

Am Ufer angekommen rollen wir auf den Damm. Die Piste ist zum Glück trocken, aber sehr holperig mit tiefen Bodenwellen. Läßt sich langsam aber gut fahren.

Wir sind begeistert! Was für ein Blick!

Links und rechts von uns der Seegrund, feuchter Sand. Da würden wir gnadenlos einsinken, man sieht es an den tiefen Spuren eines anderen Autos. Salzüberzogene Steine am Wegrand, wie Ufos schweben 3 Inseln am Horizont.

Holper und Gerumpel, aber diese Aussicht!

Unfassbar schöne Spiegelungen, der Horizont verschwimmt….

Wir schaukeln durch die Bodenwellen und staunen über die Wolkenbilder. Wunderschön….

Für die 7 Kilometer brauchen wir über eine halbe Stunde. Dann stehen wir am anderen Ufer vor einer geschlossenen Schranke. Oh! Alles zurück?!

Nein! Da kommt schon der Wärter und winkt uns durch.

Große Salzberge sind aufgeschichtet, außen grau und innen weiß. Bagger schaufeln das Salz  auf die Ladefläche von Lkws.

Um das Salzwerk herum kurven wir über eine Kieselpiste und stellen schließlich die Rappelkiste am salzverkrusteten Ufer des Tuz Gölü ab.

Das war ein langer Fahrtag heute, 344 Kilometer. Gut vorwärts gekommen.

Ein Hirte treibt seine Schafe nach Hause

Abendvögel trillern zum Sonnenuntergang. Ansonsten ist es still.

Wir denken zurück an Istanbul – was für ein Kontrast.

Noch einen Tag hierbleiben wäre auch sehr schön….aber es treibt uns vorwärts – nach Kappadokien.

Bis bald, liebe Grüße!

Julia & Martin

Drink positive!

Auf Instagram: Rappelkisteberlin

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