In die Berge nach Ostanatolien 25.04.2022

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Kein Wolfsrudel heult in der Nacht, nur das heisere Bellen eines Fuchs ist zu hören.

Herrliches Wetter, beinahe verschieben wir die Weiterfahrt, aber nein, wir müssen vorwärts kommen!

Schnurstracks auf die Berge zu, ein braunes Flüßchen begleitet uns über viele Kiometer.

 

Der viele Müll auf den Feldern ist erschreckend. Wir erklimmen das ostanatolische Hochland und überqueren eine halbe Stunde später den ersten Pass auf 1666 Metern Höhe. Abgelegene, winzige Ortschaften am Strassenrand, ganz schön einsam hier, erst recht, wenn im Winter alles eingeschneit ist. Auf den Feldern ziehen Trecker dicke Baumstämme hinter sich her um den gepflügten Boden zu glätten.

Nach einer Stunde sind wir in Imranli, einer kleinen Kleinstadt, wir halten um Brot zu kaufen.

Auf der Strasse und vor den Kafés sieht man nur Männer. Wir werden neugierig beobachtet. Ein junger Mann begrüßt uns freundlich: „Hello! Welcome to our nice litte town! Where are you from?“ Die Einladung zum Tee folgt sofort, wir lehnen höflich ab mit Hinweis auf unseren langen Fahrtag. Kein Problem, nach einer kurzen Unterhaltung verabschiedet sich der nette Mann. Zwei Ältere lachen uns an: „Alemania? Guten Tag!“ Die Frau aus dem Klüngelladen winkt und kichert. Alle Leute, denen wir begegnen, sind neugierig-zurückhaltend und sehr freundlich zu uns.

Vor uns liegt das Massiv des Köse Daglari, auf den Wiesen Kuhflecken aus Schnee. Die hohen Schneezäune sprechen Bände.

 

Ostanatolien ist flächenmäßig die größte Provinz der Türkei, aber nur dünn besiedelt. Manche Dörfer wirken uralt, in der Zeit stehengeblieben. Die Fassaden sind oft bunt gestrichen, aus den Ofenrohren raucht dicker Qualm.

Sicher ein hartes Leben in den kleinen Dörfern. Wir stellen uns vor, wie das gewesen sein muss, in den 60er Jahren, als sich all die jungen Männer aus diesen Dörfern aufgemacht haben nach Deutschland um Arbeit zu finden. Aus diesem einfachen Leben mitten rein in den Trubel der Großstädte wie Berlin, Köln oder Düsseldorf – damit muss man erstmal klarkommen.

 

Eine wunderschöne Strecke. Ein Bach mäandert durch die Wiesen, führt braunes Schmelzwasser mit sich talabwärts. Es ist der Kizilirmak, ein alter Bekannter! An seinem Ufer haben wir in Kappadokien in Avona übernachtet!

Link: Kappadokien: Markt in Avona, Heißluft und Tödürge Gölü 22.04.2022

Zurück in den Winter. Auf den Hängen liegt mehr und mehr Schnee. 2088 Meter Höhe – wir rollen über den nächsten Pass.

Bei Refahiye treffen wir auf die D100, auf der sind wir aus Istanbul rausgefahren! Hello again!

Aus dem kleinen Bach Kizilirmak wird ein Flüßchen.

Wer Pässe hinauf fährt muß auch wieder runter – so geht es über Stunden, rauf und runter durch großartige, manchmal bunte Bergkulisse und über weite Hochebenen.

4 Stunden unterwegs, noch ein Pass, oben auf 2166 Metern sprudelt frisches Bergquellwasser aus dem Hahn.

„Lass uns hier Wasser tanken, wir probieren mal unsere AkkuschrauberGardenapumpe“ schlägt Martin vor.

 

Dann geht es hinab nach Erzincan. 190 Kilometer geschafft.

Die Großstadt liegt einsam auf einer Hochebene, umrahmt von hohen Bergen in dem Gebiet mit dem höchsten Erdbebenrisiko der Türkei. Mehrfach ist die Stadt schon in Schutt und Asche gelegt worden und hat deshalb auch keine Altstadt. Mittendurch führt der Recep Tayip Erdogan Bulvardi, sehr belebt mit vielen Geschäften. Irgendwie seltsam, so ein quirliges Zentrum mitten im Nirgendwo nach so vielen Kilometern mit ausschließlich winzigen Dörfern. Die nächste Großstadt, Erzurum, ist auch wieder 170 Kilometer entfernt.

Wir rollen nur durch, wollen noch mindestens 150 Kilometer weiter.

Alles Wasser aus den Bergen vereint sich, breitet sich in einem großflächigen Delta aus und flutet alle Flächen. Immer noch der Kizilirmak, er ist schließlich der längste Fluss der Türkei, fast 1400 Kilometer lang.

Am Strassenrand stehen ein paar Nomadenzelte mit großen Schafherden. Die Lämmer sind schon separiert, der Monat Ramadan ist bald zuende, dann beginnt das große Schlachten.

Kizimirlak bedeutet auch: „wütend werden“. Sehr passend angesichts des braunen Wildwassers und der Stromschnellen. Grauer Schotter am Ufer, karge, graubraune Berge, schneebedeckte Gipfel, wackelige Hängebrücken….so ungefähr könnte es auch in Afganistan aussehen, oder?

Einige Kilometer geht es zwischen Felsen hinab, dann durch flaches Land. In der Hochebene liegt die Kleinstadt Askale.

Viertel nach fünf Uhr, für heute soll es genug sein. Okay, dann machen wir uns mal auf die Suche nach einem Übernachtungsplatz. Askale ist keine Schönheit, wir fahren auf jeden Fall noch raus.

Versuch Nr 1: ein paar Kilometer außerhalb soll es einen schönen Platz an einem Steinbruch geben, ein Park4night Vorschlag. Das wäre eine schnelle Lösung, wir schauen uns das an.

Äh, nein. So müde sind wir dann doch nicht, um mit ordentlich Schräglage zwischen Schottermaschinen zu parken.

Was jetzt?

Auf der Karte entdecken wir in Kandili, etwa 16 Kilometer von hier, ein Biathlon Zentrum. Ein Katzensprung! Dort gibt es doch sicher einen Parkplatz.

Ausprobieren!

Die Landstrasse wird zu unserer Überraschung bald zu einem alten Feldweg, eine üble Rumpelpiste. Und das nach mittlerweile 7 Stunden Fahrt, superanstrengend. Wir holpern voran….

Hinter uns wirbeln dicke Staubwolken, ein Traktorfahrer schaut uns verdutzt hinterher.

Eine Stunde Gerumpel im Schneckentempo, für 16 Kilometer! Dann erreichen wir Kandili, ein verschlafenes Nest. Der Parkplatz vom Biathlon Zentrum ist versperrt. Na toll! Die ganze Rumpelei umsonst.

 

Zurück auf die Landstrasse. Am Karasu Fluß entlang. Das Ufer ist überschwemmt, die Wiesen durchweicht, absolut keine Parkmöglichkeit.

„Ende jetzt, mir reicht`s!“ Kurzentschlossen stellt Martin die Rappelkiste in einer kleinen Parkbucht am Strassenrand ab.

Gut so. Das ist vielleicht nicht der schönste Platz, aber das spielt jetzt keine Rolle mehr, wir sind ausreichend müde.

354 Kilometer, 8 Stunden Fahrt – Schluß für heute!

 

 

Zeit für ein hochverdientes Feierabendgetränk. Immerhin mit Flußblick.

Und nur wenig später schenkt uns die Abendsonne dazu ein traumhaftes Licht. Von hier aus betrachtet ist es dann doch ein sehr schöner Platz….

Liebe Grüße! Bis bald!

Julia & Martin

Drink positive!

Auf Instagram: rappelkisteberlin

 

 

 

 

 

 

 

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