Kalamata und dann wohin?

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Das wir so oft durch die Strassen von Kalamata laufen würden, haben wir wirklich nicht erwartet. Und dabei entdecken wir immer wieder neues, zum Beispiel ein stillgelegtes Wasserpumpwerk oder einen alten Olivenhain immitten von Hochhäusern. Der Frühling ist eingezogen und alles beginnt zu blühen…..

Zum zweiten Mal zum MRT, wir hoffen, daß alles gut verheilt ist. Tack, tack, tack, tack – dong dong, dong – die Geräusche vom MRT sind laut im Wartezimmer zu hören.
Nach dem Termin trinken wir Kaffee auf dem großen Platz in der Stadt und sehen die ersten Leute mit Mundschutz. Eine Frau trägt ihn wie eine Halskette, ein paar Teenies machen fröhliche Mundschutzselfies.
Die Ergebnisse bekommen wir erst am Mittwoch, also starten wir durch nach Methoni. Immer wieder schön! Den Tag verbringen wir vor einer hübschen Taverne mit landestypischen Getränken. Beim Sonnenuntergang staunen wir, wieviel weiter die Sonne in den vergangenen Wochen schon Richtung Westen gewandert ist, sie geht längst nicht mehr hinter der Festung unter. Später bieten Vollmond und Wolken am Nachthimmel ein tolles Schauspiel.

Aus Deutschland hören wir vom Klopapiernotstand und das den Kassiererinnen an der Supermarktkasse die Desinfektionsmittel geklaut werden.
Hier ist das momentan unvorstellbar. Wir treffen zufällig Maurice aus Elea wieder, sitzen am Strand, gehen zusammen essen und genießen die Zeit bis zum nächsten Arzttermin.
Nach zwei Tagen geht`s zurück nach Kalamata. Die Schulen, Theater usw haben inzwischen geschlossen, die Kinder toben fröhlich herum und spielen. Noch sind die Infektionszahlen in Griechenland relativ gering, um die 100. Die Regierung reagiert offenbar sehr schnell und wartet nicht, bis die Zahlen extrem hoch sind.
Unsere Nervosität ist groß, die Ergebnisse vom MRT sind da und wir hoffen das Beste.
Gegen Abend wollen wir die Unterlagen abholen, aber die Praxis hat geschlossen, unser Arzttermin verschiebt sich auf morgen um 21 Uhr. Hierzulande eine ganz normale Uhrzeit für Arztbesuche. Zurück laufen wir durch den Eisenbahnpark, der trotz der späten Stunde voller Leben ist. Die alten Waggons dienen mehreren Vereinen als Clubhaus, vor einigen parken ordentlich aufgereiht viele Motorräder, zwei Motorradclubs haben hier ihr Vereinsheim. Alle sitzen draußen und plaudern, die Spielplätze sind voller Kinder, auf den öffentlichen Basketball- und Tennisplätzen wird trainiert. Der Park ist hell beleuchtet, so schön, wenn man spät abends durch einen städtischen Park wandert und nichts fürchten muß.
Den Tag verbringen wir am Weststrand,

holen später die Papiere ab und sitzen pünktlich um 21 Uhr beim Orthopäden.

Nichts ist verheilt, nichts zusammengewachsen. Was für eine Enttäuschung. Der Arzt schlägt eine PRP Eigenblut Therapie vor. „Das kann helfen, hoffentlich“ sagt er. Die letzte Möglichkeit wäre eine OP.

Traurig laufen wir zurück. Auf dem Platz spielt ein Orchester, die Strasse ist mit Flatterband abgesperrt, einige Leute stehen am Strassenrand und warten auf irgendwas…wir fragen nach. „Das olympische Feuer wird durch Kalamata getragen, in 5 bis 10 Minuten“. Neugierig geworden bleiben wir stehen. Voraus fahren viele Fahrzeugmodelle des Olympia Sponsors, dann wird die Fackel an einen Sportler der Paralympics übergeben und zieht an uns vorbei. Etwas ratlos macht uns das Schlussfahrzeug mit einem Grill am Heck….

Ob die olympischen Spiele 2020 überhaupt stattfinden werden?

Vor einer netten Bar setzen wir uns und muntern uns mit einem Rotwein auf. Der Wirt ist ein lustiger Typ, der uns noch zu zwei Runden Limoncello einlädt.
Wir machen uns Gedanken: wenn Martin operiert werden muß, sollen wir noch versuchen, nach Deutschland zu fahren? Vielleicht ginge über Serbien noch was. In Deutschland steigt die Infektionsrate rasant, wäre da überhaupt noch die Chance auf einen OP – Termin? Sicher haben die Ärzte dort bald ganz andere Probleme….Oder sollen wir das hier machen lassen? Was ist, wenn in Griechenland die Ausgangssperre kommt? Wo wollen wir dann sein? Was wird dann mit uns Rumreisern? Was brauchen wir, um für lange Zeit an einem Ort bleiben zu können? Zugang zu Trinkwasser, Supermarkt und Apotheke zu Fuß erreichbar, Arzt in der Nähe, gutes Internet, eine möglichst einsame Gegend. Hm….

Spanien ruft den Notstand aus, Freunde berichten von dort, daß die Stimmung kippt. „ Wir sind auf der Flucht, wie viele andere mit uns. Eine Wohnmobilkarawane versucht nach Deutschland zu kommen. Die fahren wie die Irren!!“ erzählen sie. Andere Freunde bleiben auf einem spanischen Campingplatz und sitzen die Krise aus. „ Alle Strassen sind gespenstisch leer, ein Supermarkt hat noch geöffnet, es darf immer nur einer rein. Die Einkäufe sind limitiert, die Polizei sehr präsent“.
Das müssen wir hier auch erwarten. Mein Bruder sagt: „ das ist, als ob eine Kanonenkugel in Zeitlupe auf uns zu fliegt“.

Schon am nächsten Tag überschlagen sich die Ereignisse: innerhalb weniger Stunden schließen auch die letzten Grenzen, die Entscheidung wird uns abgenommen, der Heimweg über Land ist verschlossen. Die Rappelkiste irgendwo abstellen und nach Hause fliegen kommt für uns nicht in Frage.
Alle nicht lebenswichtigen Geschäfte, Bars und Tavernen schließen von einem auf den anderen Tag. Gestern Abend konnten wir noch so schön vor der Taverne sitzen, nun ist das vorbei. Vormittags bummeln wir noch durch die Geschäfte, mittags müssen plötzlich alle schließen. Kalamatas Straßen leeren sich. Am Tag nach der PRP Behandlung sehen wir beim einkaufen zum erstenmal Lücken in den Regalen im Supermarkt. Es geht los.

In den Einkaufswagen der Leute stapeln sich Tiefkühlpizza, Wasser, Dosen, Mehl, Zucker, Bier und Klopapier! Viele Kunden tragen Einweghandschuhe, die Kassierer sowieso. Wir geraten in Zugzwang und kaufen mehr als wir brauchen. Schwer, sich dem zu entziehen. Nach dem Einkauf waschen wir uns ausgiebig die Hände. Der Dieselpreis fällt auf 1,14€ und wir tanken voll. Die Bäckerin sagt zu uns: „The Quarantine will pass, the Virus will pass“. Wir verlassen Kalamata Richtung Mani. Weit fahren wir nicht, Martins Hand schwillt zum Ballon und wir stoppen für zwei Nächte in Akrogiali.

In der Dämmerung schweben am Himmel seltsam karierte Wolken, später scheint der westliche Finger des Peloponnes in Flammen zu stehen…..

Am nächsten Abend beobachtet uns ein riesiges Sonnenauge…….spooky…..

Unsere Gespräche drehen sich mehr und mehr um ein Thema: wann kommt die Ausgangsperre? In dieser Woche oder erst nächste? Sollen wir uns jetzt schon einen sicheren Quarantäneplatz suchen? Noch können wir uns im Land frei bewegen – übertreiben wir nicht etwas? Wir wägen die Plätze ab, die wir kennen und entscheiden uns für Kardamili als Langzeitstellplatz. Dort finden wir alles, was wir vorher als notwendig überlegt haben. Tobias, ein Freund von uns, kommt ebenfalls dorthin. So haben wir sogar noch nette Gesellschaft!

Die Fahrt dorthin ist wunderschön, den beim letzten Mal verschneiten Gipfel des Profitis Elias zieren nur noch Schneereste. Am Strassenrand leuchten die bunten Frühlingsblumen. Für 26 Kilometer brauchen wir eine Stunde, Martin fährt einhändig und die Serpentinen machen ihm zu schaffen.

Am Strand von Kardamili finden wir einen wunderschönen Platz, fünf Minuten später kommt Tobias und wir richten uns ein. Frühling überall, Bienen summen durch die Luft. Hinter uns, auf den Wiesen unter den Olivenbäumen, blüht leuchtend knallrot Anemona Coronia, mal was Schönes mit diesem Namen……
Viele in Griechenland reisende Freunde fragen nach, wo wir sind, suchen ebenfalls nach dem sicheren Ort.

Haben wir unseren Platz gefunden? Haben wir gut gewählt? Im Moment müssen wir ohnehin erstmal abwarten, daß Martins Hand abschwillt und heilt.
Passt auf euch und alle anderen auf und bleibt gesund!
Liebe Grüße, bis bald!


Julia & Martin
Drink positive!

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